Starke Schule beider Basel (SSbB)

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News

  • Dienstag, November 22, 2022

    Kleinpensenverbot versus Bildungsqualität

    Nun sollen auch im Kanton Basel-Landschaft Lehrpersonen mit Mindestpensen vergrault werden. Am 17. November wurde im Landrat ein parlamentarischer Vorstoss eingereicht, der die Prüfung von Massnahmen verlangt, welche ein Anreizsystem zur Arbeitspensumerhöhung bei den Kantonsangestellten schaffen sollen. (ai)

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  • Montag, Oktober 31, 2022

    Intensive Frühförderung in Deutsch

    In Basel-Stadt wurde Mitte September ein Vorstoss eingereicht, der die Beschleunigung der Deutschförderung bei Kindern fordert, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. (so)

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  • Dienstag, Oktober 18, 2022

    Studien zum Frühfremdsprachenbeginn

    Die Frage, wann mit dem Erlernen von Fremdsprachen begonnen werden soll, stellen sich die Experten bereits seit mehreren Jahrzehnten. Hier finden Sie eine eindrückliche Auflistung zahlreicher Studien. (ai)

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  • Freitag, Oktober 14, 2022

    Motion betreffend Einführungsklassen an allen Schulstandorten

    Im Kanton Basel-Stadt wurde eine Motion eingereicht, welche Einführungsklassen an allen Schulstandorten in Basel fordert. So soll eine Integration fast aller Kinder möglich bleiben, welche weniger Belastung für das System beinhaltet. (lh)

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  • Donnerstag, September 29, 2022

    Anforderungen für Homeschooling bleiben bestehen

    Die im Sommer eingereichte Interpellation «Homeschooling: Reduktion der Hürden für die private Schulung» wurde nun vom Regierungsrat beantwortet. Die Hürden seien bewusst so gewählt, damit jederzeit eine Wiederaufnahme an die öffentliche Schule gewährleistet ist. Eine Reduktion der Homeschooling-Kriterien würde dem Anspruch der angestrebten Bildungsqualität nicht gerecht werden. (ai)

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Pressespiegel

Laien dürfen im Klassenzimmer bleiben

Der Kanton Zürich führt eine Ausbildung für Lehrer ohne Diplom ein und hofft auf 200 neue Lehrpersonen. Doch reicht das, um den Lehrermangel zu bekämpfen? Lesen Sie hier den ganzen Artikel.

[Quelle: NZZ vom 18.11.2022]

 

Wie viel bringen Lehrkräfte ohne Diplom?

530 Lehrerinnen und Lehrer stehen im Kanton Zürich ohne entsprechende Ausbildung im Klassenzimmer – eine Bilanz nach zwei Monaten. Lesen Sie den Artikel hier.

[Quelle: NZZ vom 31.10.2022]

 

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29.11.2022

Ausbildung, so ziemlich am Lehrerberuf vorbei

Die Primarschule Schötz im Kanton Luzern hat in Zeiten des Lehrermangels auf kreative Weise ein Stelleninserat formuliert: Sie drehte ein Filmchen, in dem die Kinder ihre künftige Lehrerin beschreiben: «Sie muess liäb sy, sie muess nätt sy, sie muess mir chönne hälfä, muess guet zeichne, singä und uns Mathe lerne chönnä. Sie muss chönnä, säge, dass mir ruhig sind».

Der Videoclip lief diesmal aber nicht auf einem Stelleninserate-Portal, sondern vor Lehrern und Schulleitern im Kanton Zürich, die sich Gedanken über die Ursache des Lehrermangels machten und darüber diskutieren wollten.

Das Fazit: Die Kinder beschreiben einen völlig anderen Lehrer, als er an den Pädagogischen Hochschulen (PH) herangezüchtet wird. «Die Stimmen unserer Kunden gehen leider vergessen. Wir sollten wieder einmal auf die Kinder hören, sie sagen es uns doch deutlich», erklärte der Pädagoge Carl Bossard, der das Filmchen mitgebracht hatte. Bossard zählt als Gründungsrektor der PH Zug und heutiger Bildungsberater zu den fundiertesten Kritikern des Bildungssystems im Land.

Eigentlich hätte der Diskussionsanlass des Vereins «Starke Volksschule Zürich» unmittelbar vor dem Wochenende das Diskussionsfeld zum Thema Lehrermangel – Ursachen und Lösungsansätze – sehr weit stecken wollen. Doch die Stimmen der Kinder der Primarschule Schötz gingen den anwesenden Pädagogen derart unter die Haut, dass man fast nur noch über den Zustand der PHs zu sprechen in der Lage war. Das Filmchen offenbarte offensichtlich, dass die «verkopfte Ausbildung», wie es hiess, an der PH ziemlich an den Bedürfnissen des Lehrerberufs vorbeizielt und Ursache für den Lehrerverleider ist.

Carl Bossard analysierte die Aussagen im Videoclip: Da sind Kinder, die in erster Linie von Menschen mit einer pädagogischen Haltung unterrichtet werden möchten – von einem Lehrer, der Kinder wirklich gern hat. Sie wünschen Vorbilder im Singen, im Zeichnen; sie wünschen sich eigentlich Fachkompetenz. Das wird aber an den PHs heutzutage nicht mehr vertieft vorausgesetzt (siehe Interview mit Lehrer Jürg Wiedemann: «Das Aufgabenfeld der Pädagogischen Hochschulen soll zusammengestrichen werden»).

Da sind Kinder, die sich nach Hilfe und Unterstützung sehnen und nicht selbstorientiertes Lernen oder Büro-Lernlandschaften auf dem Radar haben. Es sind Kinder, die Ruhe im Unterricht wünschen; während die Bildungsreformen der PH auf integrative und heterogen zusammengesetzte Klassen zielten und so ein Klima der Hektik schafften. «Das sind ganz konkrete Erwartungen, die die Kinder äussern», sagt Bossard. Das Filmchen zoome in den Kernauftrag der Schule, was aber in der akademischen Welt der PHs nicht mehr vermittelt werde: die Kinder in die Welt führen und ihnen die Denkweisen eröffnen, so Bossard.

Kein «Entweder-oder» an den Schulen

«Man kann nie beides gleichzeitig haben – heterogene Klassen führen und eine effiziente Schule sein. Oder Freiheit ausleben und Ordnung zugleich einfordern», erklärt der Pädagoge weiter. Den Schulen werde heute nicht mehr vorgegeben, was sie inhaltlich zu unterrichten haben. Heute werde detailliert dekretiert und genau geregelt, was die Schülerinnen und Schüler am Ende können müssen – und teilweise auch verordnet, wie das zu erreichen sei.

Das Lernen sei dialektischer Prozess, zwei Zugrichtungen, die ausgewogen vorhanden sein müssten. Allerdings – und das war der Grund, weshalb Bossard der PH in Zug den Rücken gekehrt hat – hätten sich die Pädagogischen Hochschulen in den letzten Jahren «völlig einseitig» entwickelt. Sie hätten

  • die Heterogenität maximiert und die Effizienz minimiert
  • eine flippige Vielfalt propagiert statt üben und automatisieren
  • mehr Technik und digitale Hilfsmittel eingesetzt auf Kosten des eigenständigen Denkens
  • eine Dominanz von neuen Lernformen eingeführt, «wo man doch weiss, dass sie die Bildungsgerechtigkeit nicht fördern, weil schwache Schüler überfordert sind
  • eine Regelungsdichte und eine Flut von bürokratischen Vorschriften erlassen, was auf Kosten der Freiheit geht.

Die Akademisierung des Lehrerberufs ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass kaum ein Lehrer mehr das volle Pensum mehr wahrnehmen kann. Es braucht ein Zertifikat fürs Schwimmen, eines fürs Singen, eine Zusatzausbildung für Französisch, eine fürs Englisch. Keine Schulabgängerinnen, keine Schulabgänger sind indessen an einer Primarschule voll als Klassenlehrer einsatzfähig. «Das vertreibt die Lehrer aus dem Verantwortungsposten ‹Klassenlehrer›. Die Lehrer reduzieren ihre Pensen, sie fliehen aus den Schulzimmern oder sie flüchten in die Teilzeitarbeit», sagt Carl Bossard. Bossard.

Es ist ein Fakt mit Folgen. Von den Zürcher Lehrern arbeiten 80 Prozent in einem Teilzeitpensum; im Durchschnitt beträgt ihr Arbeitsumfang 69 Prozent eines regulären Pensums.

Mit einigen Müsterchen aus dem Alltag belegte die Zürcher Bildungspolitikerin und frischgebackene Schulleiterin Yasmine Bourgeois (FDP) Bossards Aussagen. Beispielsweise habe sich eine Lehrerin entschuldigt, zu lange Frontalunterricht gemacht und die Kinder zu spät in die Gruppenarbeit geschickt zu haben. Sie habe nicht unterrichtet, wie sie es mustergültig an der PH gelernt habe. In der Gruppenarbeit, so ihre Angst, drohte ihr die unruhige Klasse zu entgleiten. Für Bourgeois ist das ein Beleg dafür, wie stark den neuen Lehrern ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie an die traditionelle Lernform «Frontalunterricht» halten würden.

Kein Verantwortung mehr

Auch beim Thema Lehrermangel steuert Bourgeois ein Müsterchen fehlgeleiteter Anreize bei: «Bei einem ihrer letzten Einstellungsgespräche sagte mir die Stellenbewerberin: ‹Was? Einen ganzen Tag zusammen mit der Klasse verbringen? Da brauche ich eine Assistenz!› Dabei hatte die Abgängerin der Pädagogischen Hochschule ihre neue Klasse noch nie gesehen», berichtet Bourgeois und fährt weiter, heute werde es als selbstverständlich angesehen, wenn mindestens zwei Personen im Klassenzimmer stehen. Dabei würden jedoch die Kinder eine eindeutige Bezugsperson verlieren. Heute seien fünf bis sieben Personen für eine Klasse verantwortlich, aber niemand trage mehr die Verantwortung.

Das sind die Lösungsansätze, die am Diskussionsabend in Zürich zur Sprache kamen. Sie zielen in eine Richtung: Vereinfachung und zurück zu den Wurzeln.

  • Rückkehr zu Kleinklassen/Förderklassen
  • Ausbildung an den PH zum Generalisten und nicht Fachspezialisten
  • Anreize für höhere Pensen
  • Den Lehrplan 21 weiter abspecken
  • Die frühe Einschulung überdenken
  • Fremdsprachige Kinder sollen lange genug Aufnahmeklassen für Deutsch besuchen
  • Reduzieren von Sitzungen
  • Weniger Bürokratie

Daniel Wahl, Journalist Nebelspalter

 

25.11.2022

Monica Gschwind für weitere vier Jahre in den Regierungsrat

Die Starke Schule beider Basel (SSbB) hat heute Morgen eine Medienmitteilung im Zusammenhang mit den Regierungsratswahlen, welche im Frühjahr 2023 in Basel-Landschaft stattfinden werden, an verschiedenen Medienschaffende verschickt:

Medienmitteilung

Seit beinahe acht Jahren ist Monica Gschwind Regierungsrätin und Vorsteherin der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission (BKSD). In dieser Zeit vermochte sie im Bildungsbereich viel Positives bewegen: Zahlreiche gescheiterte Reformen konnte sie stoppen und korrigieren. Aufgrund ihrer erfolgreichen und guten Arbeit empfiehlt die Starke Schule beider Basel Monica Gschwind im kommenden Februar zur Wiederwahl.

Monica Gschwind konnte in ihrer bisherigen Amtszeit zahlreiche Erfolge verbuchen: Nachdem der heftig umstrittene Lehrplan 21 zu einem nicht mehr massgebenden Papier degradiert wurde, ermöglichte sie für die Sekundarschulen die Erarbeitung eines Stofflehrplans Volksschule Baselland, der mit klaren Jahreszielen versehen und in Leistungsniveaus unterteilt ist. Ebenfalls half die Bildungsdirektorin erfolgreich mit, die Einführung der unbeliebten Sammelfächern an den Sekundarschulen zu verhindern. Wichtige Erfolge sind aber auch die Einführung der geleiteten Lehrmittelfreiheit, welche den Lehrpersonen ermöglicht, die gescheiterten Passepartout-Lehrmittel "Mille feuilles", "Clin d'oeil" und "New World" zu ersetzen, sowie die breite politische Akzeptanz des Verzichts von weiteren «Lernlandschaften» an den Sekundarschulen. Auch für die wichtige Weiterführung der zahlreichen, pädagogisch sinnvollen Kleinklassen zeichnet sich die Regierungsrätin verantwortlich. Erwähnenswert ist ebenfalls das Massnahmenpaket «Zukunft Volksschule», welches die Baselbieter Schulen signifikant stärkt.

Während ihrer Amtszeit wurden zahlreiche Kernforderungen der SSbB umgesetzt. Ohne die bildungspolitisch verantwortungsvolle Arbeit von Regierungsrätin Monica Gschwind hätten viele Ziele der SSbB nicht erreicht werden können.

Kontinuität für die Baselbieter Volksschulen: Nachdem während Jahren eine gescheiterte Bildungsreform die andere jagte und die Lehrpersonen massenhaft mit unsinnigen Weiterbildungsverpflichtungen konfrontiert waren, gelang es Monica Gschwind nach ihrem Amtsantritt schnell Ruhe ins Schulsystem zu bringen. Die Lehrpersonen konnten sich wieder vermehrt ihrem Kerngeschäft, dem Unterrichten, widmen.

Die Bildungsdirektorin tritt den verschiedenen Bildungsplayern (Lehrerinnen- und Lehrerverband, Starke Schule beider Basel, Amtliche Kantonalkonferenz, Präsidium der Schulleitungen, Schulbehörden) unvoreingenommen entgegen, ist offen für Ideen und strebt im Austausch auf Augenhöhe breit abgestützte Lösungen an. Mit zielführenden Gesprächen und dem Zusammenbringen aller Beteiligten an einen Tisch hat sie die Baselbieter Schulen einen grossen Schritt vorwärtsgebracht.

Kampagne für die Wiederwahl: Damit diese Kontinuität bestehen bleibt und die Arbeit von Monica Gschwind auch in den nächsten Jahren Früchte tragen kann, ist eine Verlängerung ihrer Amtszeit als Regierungsrätin und Bildungsdirektorin essenziell. Am 12. Februar 2023 wählt der Kanton Basel-Landschaft die Mitglieder des Regierungsrates. Zu diesem Anlass möchte die SSbB eine regionale Kampagne starten und die Wiederwahl von Monica Gschwind mit Flyern und einer kleinen Anzahl von Plakaten bewerben.

 

22.11.2022 - Interview mit Carl Bossard

Immer mehr Eltern betrachten die Schule als Serviceleistung

Carl Bossard hat Lehrerinnen und Lehrer sowie Generationen von Mittelschülern ausgebildet. Im Gespräch mit Erich Aschwanden und Daniel Gerny fordert er, dass einige Reformen der vergangenen Jahre teilweise rückgängig gemacht werden

Herr Bossard, Sie haben Ihr Berufsleben an Schulen verbracht. Würden Sie heute wieder Lehrer werden?

Ich war leidenschaftlich gerne Lehrer. Mich fasziniert es, mit Schülerinnen und Schülern unterwegs zu sein, ihren Gedankenkreis zu erweitern und sie so zu verstehenden Menschen auszubilden. Aber ich bin nicht sicher, ob ich diesen wunderbaren Beruf noch einmal ergreifen würde.

Weshalb?

Ebenso prägend wie die Leidenschaft für die Pädagogik war für mich stets die Freiheit, die ich als Lehrer hatte. Mit Freiheit ist Verantwortung verbunden – in diesem Fall die Verantwortung für die Kinder und ihre Lernfortschritte. Verantwortung wahrnehmen braucht Freiheit. Die Leidenschaft für das Pädagogische und damit die humane Energie kommen aus Freiheit, nicht aus lehrmethodischen Direktiven und engen operativen Vorgaben. Heute gibt es so viele Vorschriften zu den Lehrmethoden, dass viel dieser Freiheit verlorengeht. Die Freiheit wird eingeengt.

Wenn wir die Schule von heute mit jener von früher vergleichen, ist die Vielfalt in Inhalt und Form des Unterrichts jetzt doch viel grösser. Ist der Beruf nicht sogar freier geworden?

Auf den ersten Blick vielleicht. Die Themenvielfalt hat tatsächlich zugenommen. Stil und Form des Unterrichts haben radikal geändert. Doch genau darin liegt auch eines der Probleme: Die Fächerzahl und die Fülle der Aufgaben an den Schulen haben derart stark zugenommen, dass viele Kernaufgaben wie beispielsweise das Einüben eines grundlegenden Zahlenverständnisses zu kurz kommen.

Das heisst, die Stoffmenge ist zu gross?

Ja. Zunahme von Inhalten bedeutet Abnahme des Festigens. Und nicht nur das. Hinzu kommt die heterogenere Zusammensetzung der Schulklassen als Folge der integrativen Schule und der altersdurchmischten Klassen. Wenn der Stoff umfangreicher und der Unterricht komplexer wird, muss zwingend an einem anderen Ort kompensiert werden. Genau das passiert auch: Zu kurz kommen das Üben und das Automatisieren. Verbindlichkeit und Effizienz der Lernprozesse nehmen ab.

Auch die Herausforderungen haben sich geändert. Ist es nicht notwendig, dass die Schule mit der Zeit geht?

Das bestreite ich nicht. Die Schule muss sich anpassen, die Lehrerinnen und Lehrer müssen es ebenfalls. Mit den Reformen hat man versucht, die Logik der Betriebswirtschaft auf die Schule zu übertragen. Aber eine Klasse ist nun einmal keine Firma. Man wollte die Schule mit Vorgaben von oben und von aussen sowie mit mehr Investitionen in eine gewisse Richtung lenken und effizienter machen. Man hoffte, so bessere Resultate zu erreichen. Das hat nicht funktioniert.

Weshalb nicht?

Mit der Einführung des Lehrplans 21 erfolgte auch eine Änderung in der Denkweise. Statt auf fachliche und inhaltliche Lernziele fokussiert die Schule seither vor allem auf den Output. Das zeigt sich in der Kompetenzsprache. Alles muss messbar und kontrollierbar sein. Das Lernen hat an Bedeutung verloren, und an dessen Stelle ist einseitig das Können getreten. Das hat äusserst dichte und dicke Lehrplanvorgaben zur Folge. Das geht bis zu absurden Formulierungen wie: «Die Schülerinnen und Schüler können nach einer langen Laufbelastung die Geschwindigkeit anpassen.»

Schülerinnen und Schüler wissen heute also weniger als früher?

20 Prozent der Schülerinnen und Schüler können nach dem Abschluss der obligatorischen Schulzeit einen Zeitungsartikel zwar lesen, verstehen ihn aber nicht – und das im teuersten Bildungssystem der Welt! Zwei bis drei von zwanzig Kindern einer Klasse lesen und schreiben beim Schulabschluss nur unzureichend. Ich selbst habe in meiner Zeit an der Pädagogischen Hochschule Texte von Studierenden erhalten, die Symptome sprachlicher Verwahrlosung aufwiesen. Hier liegt ein Systemversagen vor.

Liegt das an der Schule? Das geschriebene Wort hat unter dem Einfluss von Fernsehen, Internet und vor allem dem Smartphone ganz generell an Bedeutung verloren.

Das Kernproblem liegt beim Verstehen. Text lesen und Sinn verstehen wird für manche zur Schwerstarbeit. Umso mehr müsste die Schule Gegensteuer geben, nicht zuletzt im Interesse von Kindern aus Kreisen, die aus sozial eher schwächeren Familien kommen und es schwerer haben. Und hier liegt meines Erachtens eines der grössten Probleme: Die Schulreformen haben die Chancengleichheit kaum verbessert.

Weshalb trifft es vor allem eher schwächere Schülerinnen und Schüler?

Sie leiden am stärksten darunter, wenn den Lehrpersonen Zeit und die Möglichkeit fürs Üben und Anwenden fehlen. Ausserdem setzt der Lehrplan stark auf selbständiges Lernen. Das überfordert viele und bevorteilt die ohnehin schon lernstarken Kinder.

Ist das ein Plädoyer für den Frontalunterricht nach alter Schule?

Nein! Es ist ein Plädoyer für einen geführten und strukturierten Unterricht – schülerzentriert, aber lehrergesteuert. Gerade sozial benachteiligte Kinder sind darauf angewiesen. Oder wie es der kürzlich verstorbene linksliberale Pädagoge Hermann Giesecke formulierte: «Nahezu alles, was die moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu.»

Schon immer klagten Eltern, Hochschulen und Lehrmeister darüber, dass die Schule früher besser gewesen sei. Ist das heute nicht einfach auch so?

Sicher kommt es in der Bildungsdebatte auch zur Verklärung der Vergangenheit. Das wissen wir aus der Forschung. Aber es wäre falsch, die Probleme mit diesem Argument kleinzureden. Die internationalen Vergleichsstudien zeigen, dass die Schweiz vor allem bei der Lese- und Rechenkompetenz zurückgefallen ist. Im Übrigen benötigen 35 Prozent der Schülerinnen und Schüler heute Nachhilfeunterricht. Und dies, obwohl wir heute zweieinhalb Mal so viel ins Bildungssystem investieren wie 1996, nämlich über 40 Milliarden Franken.

Sehen Sie auch Dinge, die sich verbessert haben?

Die Schule ist vielfältiger, bunter und fröhlicher geworden. Die Zeiten, als die Schule nur autoritär auftrat und deshalb stark mit Angst verbunden war, sind vorbei. Die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler stehen heute stärker im Vordergrund. Das ist ein grosser Fortschritt. 

Viele Lehrerinnen und Lehrer sehen das nicht so positiv. Sie sagen, das integrative Modell überfordere die Schule.

Auch ich frage mich, ob die Integration von Schülern mit völlig unterschiedlichen Fähigkeiten und Leistungen tatsächlich der richtige Weg ist. Wir haben zwar zusätzliches, qualifiziertes Personal wie etwa Lehrerinnen für integrative Förderung im Klassenzimmer. Das hat aber Folgen. Einerseits unterrichten bereits bei den Erstklässlern mehrere Lehrerinnen. Andererseits verkompliziert das die Organisation und absorbiert bei den Klassenverantwortlichen viel Energie und Zeit. Sie fehlen im Kernbereich Unterricht.

Aber Integration ist doch im Interesse der Betroffenen.

Sie ist nicht im Interesse aller Schülerinnen und Schüler. Das sagen viele erfahrene Lehrerinnen und Lehrer. Wer schulische Defizite hat, bekommt dies Tag für Tag vor den Augen seiner Mitschüler vorgeführt, die diese Schwächen nicht haben. Das ist kontraproduktiv und deprimierend. Wir wissen längst, dass sich ein Teil der betroffenen Schüler in Klassen mit besonderer Förderung, also in Kleinklassen, wohler fühlt. Auf diese Weise können sie besser und gezielter unterstützt werden.

Neben dem integrativen Unterricht geraten auch die Fremdsprachen auf der Primarstufe zunehmend in die Kritik.

Momentan werden die Schülerinnen und Schüler mit der ersten Fremdsprache konfrontiert, bevor sie richtig lesen und schreiben können. Vor allem für schwächere und fremdsprachige Schüler ist diese Situation enorm belastend. Zudem sind die Lernresultate ernüchternd. Die logische Konsequenz wäre, mindestens eine der frühen Fremdsprachen wegzulassen, um mehr Zeit für die Basics zu erhalten. In der Primarschule muss man sich wieder stärker auf die Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren.

Denken Sie, dass es noch möglich ist, diese und andere Reformen rückgängig zu machen?

Ich bin von Natur aus ein Optimist. Aber wenn ich die vergangenen Jahre betrachte, glaube ich nicht, dass Bildungspolitiker zugeben können, dass sie sich verrannt haben. Auf ein Wort der Selbstkritik wartet man wohl vergeblich. Es wird immer wieder behauptet, die Schweiz habe ein ausgezeichnetes Bildungswesen mit einem ausgeklügelten Fördersystem. Doch wenn ich die Resultate sehe, dann kommen mir Zweifel, ob dem tatsächlich so ist.

Woran machen Sie das fest?

Eine Google-Recherche zu den Stichworten «Nachhilfe, Gymivorbereitung, Zürich» ergibt eine lange Liste von Angeboten – vom Schwarz- und vom Graumarkt für Zusatzlektionen nicht zu reden. Die Nachfrage muss gross sein, sonst gäbe es diesen Markt nicht. Viele Kinder weisen also am Ende der Primarschule Defizite auf. Eltern wollen das kompensieren. Gleichzeitig steigt die Zahl von Homeschoolern, von Kindern, die zu Hause unterrichtet werden. Sie hat sich in allen Kantonen vervielfacht, allerdings noch auf niedrigem Niveau. Das sind fatale Alarmzeichen für die Volksschule.

Doch die Maturitätsquote nimmt zu, und immer mehr Jugendliche absolvieren eine Ausbildung an einer Universität oder an einer Fachhochschule. Ist das nicht ein Erfolgsausweis für die moderne Schule?

Höhere Quoten gehen oft mit sinkenden Ansprüchen einher. Der Zusammenhang von «upgrading access and downgrading skills» ist bildungsgeschichtlich nichts Neues: Qualität und Quote korrelieren umgekehrt. Aus deutschen Schulen ist bekannt, dass die Noten besser geworden sind. Allerdings nur deshalb, weil die Ansprüche nach unten nivelliert wurden.

Gerade beim Übertritt ins Gymnasium machen die Eltern oft Druck. Wie hat sich die Rolle der Eltern im Schulsystem in den vergangenen Jahren geändert?

Meine Eltern waren, so habe ich es zumindest in Erinnerung, an keinem Elternabend. Sie haben den Lehrern vertraut. Dies hat sich mit der Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft geändert. Nach wie vor unterstützen die meisten Mütter und Väter die Lehrpersonen. Doch es gibt leider immer mehr Eltern, die die Schule als niedere Serviceleistung des Staates betrachten. Diese Institution hat in ihren Augen die Aufgabe, ihr Kind fit zu trimmen für eine Gesellschaft im globalisierten Konkurrenzkampf. Wenn diese Eltern negative Rückmeldungen seitens der Lehrer nicht akzeptieren und gleich mit dem Anwalt drohen, erschwert das die pädagogische Arbeit.

Der schwierige Umgang mit Eltern ist nur ein Grund, warum der Lehrermangel immer gravierender wird. Wo liegen weitere Ursachen?

Ich weiss aus vielen Gesprächen, dass sich Lehrerinnen und Lehrer heute kaum mehr eine volle Stelle zutrauen. Der Beruf ist herausfordernder und aufreibender geworden. Es wird immer schwieriger, Klassenlehrer zu finden, die die ganze Verantwortung übernehmen und die komplizierte Koordination bewältigen wollen. Ich habe als Rektor meinen Klassenlehrern Sorge getragen. Sie waren für mich die wichtigsten Bausteine einer guten Schule.

Trotz all diesen Defiziten gehen viele Schülerinnen und Schüler immer noch gerne zur Schule und bringen gute Leistungen. Woran liegt das?

Es liegt an den engagierten Lehrerinnen und Lehrern, die sich mit Leib und Seele um einen guten Unterricht bemühen. Die sich jeden Tag fragen, was pädagogisch wichtig und richtig ist. Viele Lehrpersonen arbeiten in diesem immer komplexer gewordenen System mit einer kreativen Dissidenz der Unterlassung. Sie akzeptieren nicht einfach alle Vorgaben von oben. In den Schulen passiert täglich viel Gutes, und das stimmt mich trotz allem optimistisch.

[Quelle: NZZ vom 22.11.2022]

 

21.11.2022 - Gastbeitrag Allan Guggenbühl

Der Lehrer als Oberbandenführer

Es knallt. Der Schüler schmettert seine Pultklappe heftig zu und gibt seinen Mitschülern Handzeichen. Solche Performances sind bei ihm Alltag. Er verlässt das Klassenzimmer, wann es ihm gefällt, stört durch Zwischenrufe oder legt einen Gangsta-Rap ein, wenn es ihm passt. In den Augen der Mitschüler ist er ein cooler Typ. Das Lernklima dieser vierten Klasse wird jedoch empfindlich gestört. Die Lehrpersonen sind verzweifelt. Mithilfe eines Kompetenzrasters wird das Verhalten dieses Schülers erfasst. Das Resultat: Es fehlt ihm an Sozialkompetenz. Ein Beobachtungsbogen aus seiner Kindergartenzeit bestätigt den Befund. Die Eltern werden zitiert, ein Schulsozialarbeiter schaltet sich ein, und sonderpädagogische Massnahmen werden erwogen. Schliesslich wird ein partielles Time-out verordnet. Der Schüler sei untragbar. Den Eltern wird ein Wechsel in eine Privatschule empfohlen  pikant: Seine Schulleistungen sind gut, auch wird ihm eine hohe Intelligenz und grosse Lernbereitschaft bescheinigt.

Eine Klasse ist kein Team

Die Schule hat sich in den letzten sechzig Jahren gewandelt. Während früher eine Lehrperson eine Schar von oft über vierzig Kindern befehligte und im Klassenzimmer als kleiner König amtete, kümmern sich heute mehrere Pädagogen, Sonderpädagogen und Assistenten um die einzelnen Schüler. Bei Fehlverhalten sind nicht Körperstrafen und Moralpauken die Folge, sondern man kümmert sich um das störende Kind. Die Lehrperson versteht sich als Coach. Es geht darum, ihn oder sie dank Gesprächen zur Einsicht zu bringen, seine Sozialkompetenz zu fördern, damit die individuell gesetzten Lernziele erreicht werden. Eigenständigkeit und Teamarbeit wird gefordert. Solche und weitere überfachliche Kompetenzen sind ein Kriterium für den Schulerfolg. Genügt ein Schüler nicht, dann erhält er individuelle Betreuung, eine Diagnose oder eben ein Time-out. Dieser Schulstil ist sicher menschlicher als die Raute und harsche Disziplinarmassnahmen eines Alleinherrschers. Die Defokussierung bei der Lehrperson hat jedoch die Wahrnehmung der Schüler und Schülerinnen verändert. Schulbesuch ist für sie nicht primär ein Anpassungsakt gegenüber einem Erwachsenen, sondern es geht um einen Gruppenanschluss. Es gilt, sich vor Mitschülern zu profilieren. Wen kann man beeindrucken? Hat man Feinde? Freunde? Man muss sich in einer Zwangsgemeinschaft behaupten, die sich einem staatlichen Diktat fügt. Eine Klasse als Team anzusprechen, ist Schönfärberei, denn die Schüler haben sich nicht selbst gewählt. Sie sind internen Machtkämpfen, Intrigen, Performances und Mobbing ausgesetzt. Wie man sich am besten verhält, wird von der Gruppendynamik beeinflusst und hat oft einen losen Zusammenhang mit den deklarierten Sozialkompetenzen. Lehrerpersonen haben darum einen doppelten Auftrag. Sie sind nicht nur Coachs, sondern auch Oberbandenführer. Die zweite Aufgabe erfordert die Bereitschaft, sich zu exponieren, den Umgangston festzulegen und Konflikte durchzustehen. Es gilt, sich als Führungsperson vor der Klasse zu behaupten, Aufmerksamkeit einzufordern und Beziehung zu ermöglichen. Schüler gehen zu Persönlichkeiten in die Schule, die Forderungen stellen, sie prägen und über die man sich aufregt. Ihr Verhalten widerspiegelt den Einfluss der Lehrperson.

Schüler wollen geführt werden

Wichtig ist eine Stärkung der Lehrperson als Leitfigur, die dank Geschichten, Ritualen, Bildungsinhalten, Frontalunterricht und Singen zum Repräsentanten der schulischen Ordnung wird. Versteht eine Lehrperson die Führung zu übernehmen, dann steigt die Toleranz der Schüler und Schülerinnen untereinander. Störungen werden reduziert, weil sich inkompatible Persönlichkeitsdifferenzen neutralisieren. Diversität, Inklusion und individuelle Förderung sind eher möglich, da der Umgang von einer erwachsenen Autorität festgelegt wird. Das Lernen wird weniger als Selbstexploration empfunden denn als Auseinandersetzung mit Inhalten, die Erwachsenen wichtig sind.

[Quelle: NZZ vom 01.11.2022]

 

18.11.2022

Neu entflammter Kampf gegen Frühfranzösisch

Es gibt keine einzige Studie, die den Vorteil von Frühfranzösisch an Primarschulen belegt. Es gibt aber inzwischen viele, die den Nutzen bezweifeln oder statistisch beweisen, dass die Kinder troz Frühstart am Ende ihrer Schulzeit ungenügend Französisch können. Dennoch halten sechs Schweizer Kantone eisern am Französisch-Unterricht ab der dritten Klasse fest.

Das will der Berner Grünliberale-Grossrat und Lehrer aus Biel, Alain Pichard, jetzt ändern. Spätestens im Frühjahr sollen in den betroffenen Kantonen koordiniert Vorstösse zur Abschaffung des Frühfranzösischs in der 3. und 4. Klasse eingereicht werden. Im Baselbiet ist die SVP-Landrätin und Fachlehrerin Anita Biedert ihrem Berner Kollegen zuvorgekommen. In einem bereits eingereichten Vorstoss verlangt sie, dass der Kanton Baselland sich gänzlich vom Französisch-Unterricht an den Primarschulen verabschiedet.

Die Bildungsdirektionen in den Kantonen Bern, Baselland, Basel-Stadt, Solothurn, Freiburg und Wallis glauben noch immer, sie hätten den «Schlüssel zur Mehrsprachigkeit» für sich entdeckt. So statuiert die Berner Bildungsdirektion: «21 Kantone haben gemeinsam vor einigen Jahren entschieden, in der dritten Klasse mit der ersten Fremdsprache zu beginnen. Der Kanton Bern als zweisprachiger Brückenkanton hat sich für Frühfranzösisch entschieden und steht weiterhin zu diesem Entscheid.»

Durchs Band weg schlechte Resultate

In der Tat haben die sechs sogenannten Passepartout-Kantone entgegen den schweizweiten Bestrebungen, das Schulsystem barrierefrei zu harmonisieren, einen eigenen Weg beschritten: eigener Lehrplan, eigener Stundenplan und im Gegensatz zu den anderen 15 Kantone, Frühfranzösisch ab der dritten Klasse. Sie haben sich für die teuren und umstrittenen Französisch-Lehrmittel «Mille Feuilles» und «Clin d’oeil» entschieden und sie für obligatorisch erklärt. Die Kinder sollten ihre erste Fremdsprache zunächst spielerisch und ohne Rechtschreibkorrektur und «Grammatikbüffelei» erlernen.

Die Ergebnisse vieler inzwischen vorliegender Studien sind vernichtend. Eine der jüngsten – die 2019 erschienene Studie der Gymnasiallehrerin Eva Wiedenkeller – kommt zum Schluss, dass es um die Französischkenntnisse der Schüler schlecht bestellt ist. Nur elf Prozent erreichten beim Sprechen die Mindestanforderungen. Nicht viel besser sieht es beim Leseverstehen aus, mit knappen 33 Prozent und beim Hörverstehen waren es 57 Prozent.

Den Nutzen der frühen Förderung einer Fremdsprache hat die preisgekrönte Studie von Susanne Pfenniger schon im Jahr 2016 widerlegt. Weil ihr Ergebnis den Bildungsdirektionen nicht passte, wurde die Wissenschaftlerin diskreditiert. Der frühere Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz und ehemalige Nationalrat Christoph Eymann (LDP/Basel-Stadt) behauptete, dass die Studie Pfennigers «offensichtlich qualitativ nicht genügt». Einen Beleg dafür lieferte er nicht.

Präsident des Lehrerverbands Baselland Philipp Loretz sagt: «Es ist an der Zeit hinzuschauen und unvoreingenommen zu prüfen, ob wir mit dem Sprachkonzept auf dem richtigen Weg sind. Wir bekennen uns zur französischen Landessprache, aber jetzt geht es darum, aufgrund der Faktenlage genau hinzuschauen.»

Kritik an obligatorischen Lehrmitteln

In der öffentlichen Wahrnehmung sind massgeblich die obligatorischen Lehrmittel «Mille Feuilles» und «Clin d’oeil» schuldig für den Misserfolg von Frühfranzösisch. Die Mängel habe der Lehrmittelverlag behoben, streichen inzwischen die Bildungsdirektionen hervor. Dazu schreibt die Solothurner Bildungsdirektion: «Die gesamte Lehrmittelreihe wurde überarbeitet. Sie erfüllen die Kriterien.» Bern ergänzt: «Daneben wurden Sprachaustausche und Sprachlager stark gefördert.»

Als erster Kanton hat das Baselbiet das Lehrmittelobligatorium aufgehoben. Inzwischen, sind die Mille-Feuilles-Clin-d’oeil-Obligatorien auch in den anderen Kantonen wie Dominosteine gefallen. Philipp Loretz sagt: «Bereits im ersten Schuljahr nach Einführung der geleiteten Lehrmittelfreiheit bestellten nur noch zwei von 178 Sekundarlehrpersonen ‹Clin d’oeil›. 93 Prozent der gut 3200 Sekundarschüler profitieren seither von Lehrmitteln, die international anerkannten Leitlinien der Didaktik folgen.»

Entsprechende Erhebungen werden in den Kantonen Solothurn und Bern nicht gemacht, wie es auf Anfrage von «Nebelspalter» heisst. Doch nun gilt weitgehend Lehrmittelfreiheit, seit diesem Sommer, auch im Kanton Bern.

Das hat frischen Wind in die abgeflaute Diskussion ums Frühfranzösisch gebracht. So hat auch der Bieler Lehrer Pichard wieder die Segel gesetzt. «Wir sind daran, in den sechs Kantonen Vorstösse einzureichen, um das Frühfranzösisch in den dritten und vierten Klassen abzuschaffen», sagt er. Er stehe mit Grossräten in den betroffenen Kantonen in Kontakt, vornehmlich mit Grünliberalen-Parteikollegen. «Wir versuchen, gemeinsam einen entsprechenden Vorstoss zu formulieren und diesen, wenn nicht schon im Winterquartal, so doch in der Frühlingssession einzureichen.

Vorreiterrolle Baselland

Vorgeprescht ist die Fachlehrerin und Landrätin Anita Biedert im Baselland. Sie fordert einen «Verzicht auf Französischunterricht an der Primarschule». Biedert stützt sich auf eine Umfrage des Lehrernetzwerkes «Starke Schule beider Basel».

Von 548 Lehrern und Bildungsinteressierten haben 72,1 Prozent angegeben, dass der Französisch-Aufwand an den Primarschulen in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Noch deutlicher brachten die Pädagogen ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck auf die Frage, ob man der Meinung sei, das Fremdsprachenkonzept der Primarstufe müsse überarbeitet werden. Dabei stimmten 82,4 Prozent dafür.

Biedert sagt dazu: «Für mich zählen nur die Fakten: Die Grundkompetenzen sind im Französisch schlicht unterdurchschnittlich.» Es gebe Schüler, die nach ihrer Primarschulzeit «je» noch immer mit den Buchstaben «schö» schreiben. Und sie gibt zu bedenken, dass bei der Einführung von Frühfranzösisch kein Gedanke daran verschwendet wurde, dass viele Ausländerkinder betroffen sind. «Für sie alle ist Französisch bereits die zweite Fremdsprache.» Obwohl die Kinder nicht einmal wüssten, ob es im Deutsch «die Baum» oder «der Baum» heisst, müssten sich mit «le» oder «la» auseinandersetzen.

Für die Baselbieter Politikerin und zwölf Mitunterzeichnende ist darum klar: Die mit Aufgaben überfrachtete Primarschule soll von der Aufgabe des Französischunterrichts entlastet werden.

Daniel Wahl, Journalist Nebelspalter
 
 

15.11.2022

Monica Gschwind für weitere vier Jahre in den Regierungsrat wählen

Seit beinahe acht Jahren ist Monica Gschwind Regierungsrätin und Vorsteherin der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission (BKSD). In dieser Zeit vermochte sie im Bildungsbereich viel Positives bewegen: Zahlreiche gescheiterte Reformen konnte sie stoppen und korrigieren. Aufgrund ihrer erfolgreichen und guten Arbeit empfiehlt die Starke Schule beider Basel (SSbB) Monica Gschwind im kommenden Februar zur Wiederwahl.

Monica Gschwind konnte in ihrer bisherigen Amtszeit zahlreiche Erfolge verbuchen: Nachdem der heftig umstrittene Lehrplan 21 zu einem nicht massgebenden Papier degradiert wurde, ermöglichte sie die Erarbeitung eines Stofflehrplans Volksschule Baselland, der mit klaren Jahreszielen versehen und in Leistungsniveaus unterteilt ist. Ebenfalls half die Bildungsdirektorin erfolgreich mit, die Einführung der unbeliebten Sammelfächern an den Sekundarschulen zu verhindern. Wichtige Erfolge sind auch die Einführung der geleiteten Lehrmittelfreiheit, welche den Lehrpersonen ermöglicht, die gescheiterten Passepartout-Lehrmittel "Mille feuilles", "Clin d'oeil" und "New World" zu ersetzen, sowie das Massnahmenpaket «Zukunft Volksschule», welches die Baselbieter Schulen signifikant stärkt.

Kontinuität für die Baselbieter Volksschulen

Nachdem während Jahren eine gescheiterte Bildungsreform die andere jagte und die Lehrpersonen massenhaft mit unsinnigen Weiterbildungsverpflichtungen konfrontiert waren, gelang es Monica Gschwind nach ihrem Amtsantritt schnell Ruhe ins Schulsystem zu bringen. Die Lehrpersonen konnten sich wieder ihrem Kerngeschäft, dem Unterrichten, widmen.

Die Bildungsdirektorin tritt den verschiedenen Bildungsplayern (Lehrerinnen- und Lehrerverband, Starke Schule beider Basel, Amtliche Kantonalkonferenz, Präsidium der Schulleitungen, Schulbehörden) unvoreingenommen entgegen, ist offen für Ideen und strebt im Austausch auf Augenhöhe breit abgestützte Lösungen an. Mit zielführenden Gesprächen und dem Zusammenbringen aller Beteiligten an einen Tisch hat sie die Baselbieter Schulen einen grossen Schritt vorwärtsgebracht.

Kampagne für die Wiederwahl

Damit diese Kontinuität bestehen bleibt und die Arbeit von Monica Gschwind auch in den nächsten Jahren Früchte tragen kann, ist eine Verlängerung ihrer Amtszeit als Regierungsrätin und Bildungsdirektorin essenziell. Am 12. Februar 2023 wählt der Kanton Basel-Landschaft die Mitglieder des Regierungsrates.

Zu diesem Anlass möchte die SSbB eine regionale Kampagne starten und die Wiederwahl von Monica Gschwind mit Plakaten bewerben. Wir freuen uns, wenn Sie sich dafür entscheiden, die Kampagne finanziell zu unterstützen. Ihre Kampagnenspende in beliebiger Höhe oder die Finanzierung eines Wahlplakates (Fr. 12.-) können Sie via Twint (siehe QR-Code in der blauen Spalte rechts) oder via QR-Rechnung, welche Sie hier herunterladen können, tätigen. Herzlichen Dank.

Alina Isler
Vorstand Starke Schule beider Basel

 

13.11.2022

Aufgabenfeld der Pädagogischen Hochschulen zusammenstreichen

In der von Pädagogen gemalten Schule der Zukunft bleiben traditionelle Bildungsinhalte wie Lesen, Schreiben und Mathematik auf der Strecke. Es soll eine individualisierte Schule ohne Noten sein – mit hohen Mitbestimmungsrechten von Schülern. Dieses Bild zeichnet eine Umfrage des Schulmuseums Bern zur Zukunft der Schule. Viele der Umfrageteilnehmer sind Pädagogen oder Studierende der Pädagogischen Hochschule Bern; sie haben das Umfragebild geprägt. (Der «Nebelspalter»: Pädagogen foutieren sich um Bedürfnisse der Wirtschaft)

Wäre die Umfrage von Berufsbildungsleuten oder Lehrlingen dominiert worden, sähe das Resultat anders aus. Diese geben an, an der Volksschule nur ungenügend «Lesen und Schreiben» gelernt zu haben.

Wegen der grossen Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen der Schulen und den Wünschen der Pädagogen wirft Sekundarlehrer Jürg Wiedemann, den Pädagogischen Hochschulen vor, statt die Lehrer auf die Arbeitswelt vorzubereiten, einen Egotrip zu veranstalten. Wiedemann ist Gründer des Netzwerkes «Starke Schule beider Basel». Monatlich erhält er mehrere Hinweise zu den Zuständen an den Pädagogischen Hochschulen.

Jürg Wiedemann, Sie haben am Montag im Nebelspalter kritisiert, dass es den hochdotierten Dozenten an den Pädagogischen Hochschulen (PH) vor allem darum geht, sich mit Forschung einen Namen zu machen, und dass diese sich an den Hochschulen kaum um traditionelle Bildungsinhalte kümmerten. Insofern hat Sie das Umfrageresultat der Plattform «Schule-Zukunft.ch» nicht überrascht. Wie kommen Sie zu einer solchen Einschätzung?

Wir bekommen den Zeitgeist mit, der an den Pädagogischen Hochschulen herrscht. Unsere Organisation erhält fast im Wochentakt Anrufe und Mails von Studentinnen und Studenten, die ihrem Ärger und Unmut über die Zustände an den PHs Luft verschaffen. Sie klagen über fehlende Strukturen, eine hohe Präsenzpflicht und darüber, dass ihnen der Unterricht an der Hochschule dennoch wenig bis nichts bringt. Sie würden kaum auf den Alltag im Klassenzimmer vorbereitet: Wie erteile ich eine gute und motivierende Unterrichtslektion? Wie erkläre ich den Schulstoff dem Alter der Kinder entsprechend verständlich? Was ist wichtig, um einen Elternabend kompetent und informativ durchzuführen? Wie löse ich Mobbingprobleme in einer Klasse? Darum geht es an den Hochschulen leider nicht, oder zumindest nicht prioritär.

Was kommt anstelle dieses Programms?

Die Studierenden werden mit vielen und auch unnötigen Themen lediglich oberflächlich konfrontiert. Die Kurse haben wenig Substanz. Sie müssen jedoch über alles Mögliche ausführliche Erläuterungen und Reflexionen schreiben und werden dadurch mit oft unsinnigen und wenig zielführenden Arbeitsaufträgen belastet. Für die tägliche Arbeit im Klassenzimmer ist das nicht tauglich und es stärkt auch nicht das Handwerk der angehenden Lehrperson.

Warum ist das so?

Für viele Dozierende hat das traditionelle Ausbilden der angehenden Lehrpersonen keine Priorität; und zwar in dem Sinne, dass die Studentinnen und Studenten das Rüstzeug bekommen, um traditionell, motivierend und zielführend unterrichten zu können. Weitaus grössere Vorlieben und Interessen haben die Dozierenden an der wissenschaftlichen Arbeit, am Entwickeln neuer Modelle und Reformen, um sich so auch einen Namen und ein Monument zu schaffen. Altes, Traditionelles zu fördern, verspricht kein Ansehen für die Nachwelt. Neues muss her, auch wenn Altes grössere Lernerfolge in den Klassenzimmern verspricht. So werden an den PHs teilweise abstrakte, nicht überprüfbare Reformen entwickelt, die nur den philosophischen und psychologischen Ansprüchen genügen. In den Schulzimmern sind solche Pilotprojekte selten auf ihre Wirksamkeit überprüft worden. Bei der Einführung von Frühfranzösisch beispielsweise gab es keine Zielsetzung, was prompt zum Debakel führte: Während rund zehn Jahren erhielten die Primarschulkinder einen frustrierenden und demotivierenden Französischunterricht, basierend auf einer völlig untauglichen Ideologie.

Um die Subventionen zu erhalten, müssen die PHs Forschung betreiben. Sie bezeichnen diese Disziplin an den Hochschulen für aufgeblasen und übertrieben. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Einerseits handelt es sich um einen Eindruck, den wir aufgrund der zahlreichen, wiederkehrenden Reklamationen der Studierenden erhalten haben. Andererseits lässt sich dies auch objektiv an den gigantischen, zeitliche Ressourcen messen, die in solche Forschungsarbeiten investiert werden, ohne dass diese Arbeit für das künftige Unterrichten im Schulzimmer einen praktischen, relevanten Gewinn bringen. Es macht den Anschein, dass viele Kurse nur deswegen geführt und die Studierenden zur Teilnahme mit Präsenzlisten gezwungen werden, um die PHs aufzublasen und damit hochbezahlte Stellen zu generieren.

«Die Studierenden an den PHs werden massenhaft mit Reflexionen beschäftigt, die wenig Nutzen für ihre künftige Arbeit im Klassenzimmer bringen.»

Die Vermittlung des Fachwissens – vor allem für Sekundarlehrpersonen – wird an den PHs hingegen vernachlässigt. Im Gegensatz zur Lehrerausbildung an den Universitäten oder den eidgenössischen technischen Hochschulen, an denen beispielsweise eine angehende Physik- oder Chemielehrperson eine fundierte Fachausbildung erhält, ist die Qualität und Quantität der Fachausbildung an den PHs um ein Vielfaches geringer. Die Studierenden an den PHs werden massenhaft mit Reflexionen beschäftigt, müssen in regelmässigen Abständen umfangreiche schriftliche Arbeiten abgeben, die belastend sind und wenig Nutzen für ihre künftige Arbeit im Klassenzimmer bringen. Auch die Dozierenden zeigen sich aufgrund der Flut von Arbeiten überlastet. Viele Dokumente ihrer Studierenden vermögen sie gar nicht mehr lesen. Ein Musterbeispiel zeigt dies auf bedenkliche Art: Ein Student der Fachhochschule Nordwestschweiz hat die Probe aufs Exempel gemacht und eine Word-Datei hochgeladen, die statt der geforderten fünfseitigen Abhandlung einer These nur ein einziges Wort enthielt. Seine Arbeit wurde angenommen, er erhielt die entsprechenden Credits.

Die Tatsache, dass sich Studenten bei der Starken Schule beider Basel melden, ist ein schlechtes Zeugnis für die Pädagogischen Hochschulen. Kritik müsste doch direkt adressiert werden.

Ja, unbedingt. Wenn wir Studierende, die bei uns ihren Frust abladen, darauf hinweisen, lautet der Standardsatz: «Solange ich an der PH bin, kann ich mir keine öffentliche Kritik leisten.» Das ist doch grotesk: Die angehenden Pädagoginnen und Pädagogen, die von ihren künftigen Schülerinnen und Schülern verlangen sollen, eine eigene Meinung zu bilden und diese auch unabhängig von der Meinung ihrer Lehrer vertreten, getrauen sich nicht, an der PH zu ihrer eigenen Meinung zu stehen. Sie haben Angst, schlechter benotet oder bei der Stellenwahl benachteiligt zu werden. Wir stellen fest, dass Studierende, die das Neue und das von den Dozenten Untergejubelte kritisch hinterfragen, kaltgestellt und unausgesprochen mit Repression bedroht werden. So lässt sich die unendliche Angst der Studierenden der PHs begründen. Deshalb üben sie Kritik – wenn überhaupt – nur hinter vorgehaltener Hand.

Für Kritik haben die Hochschulen ein Netz von Anlaufstellen für Beschwerden aufgebaut. Da ist es unverständlich, dass Kritik nicht platziert werden kann.

Das Sekretariatsteam der Starken Schule beider Basel erkennt aufgrund der um Hilfe suchenden Studierenden, dass ein nonverbaler Druck aufgebaut wird. Man gibt den Studierenden zu verstehen: «Pass auf, was Du auslöst.« Schon die Einladungen zu Gesprächen sind so formuliert, dass sie als Einschüchterung verstanden werden. Da ist kein offenes Gespräch möglich, um den Austausch auf Augenhöhe zu verbessern, im Sinne: «Komm sag mir mal, was nicht rund läuft.» Gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern im Kanton Basel-Stadt läuft das übrigens ähnlich. Es gibt eine Weisung vom Basler Erziehungsdepartement an die Lehrkräfte, wer wie auf Medienanfragen Auskünfte geben darf. Das Erziehungsdepartement spricht von Koordination. Als Kontrolle wird es an der Basis verstanden. Wenn solches durchgehend passiert, entsteht eine Angstkultur. Unter dem früheren Präsidenten der Erziehungsdirektoren, Nationalrat Christoph Eymann, war es noch bedenklicher. Er hat auch schon Lehrer, die sich öffentlich in Leserbriefen kritisch zum Basler Bildungssystem geäussert haben, auf sein Büro zitiert und ihnen unmissverständlich klargemacht, was er erwartet.

Sie haben Jahrgang 1960 und an der Universität in Basel studiert. War es damals anders?

Die Universität zwang die Studierenden nicht – so wie heute die PHs mit Präsenzkontrollen – die Vorlesungen zu besuchen. Die Professoren hielten interessante und lehrreiche Vorträge. Wenn sie es schlecht machten, blieben die Hörsäle leer, und die Vorlesung wurde im nächsten Jahr gestrichen. Heute ist in den Fachhochschulen alles reguliert und die Stelle des Dozenten abgesichert, egal, ob er gehaltvolle oder langweilige Inputs gibt. Studierende, die an den PHs mehr als zweimal ohne Arztzeugnis fehlen, müssen den gesamten Kurs im folgenden Jahr wiederholen. Man geht mit den angehenden Lehrpersonen um wie mit Schulkindern.

Wie sehen Ihre Lösungsansätze aus?

Das Aufgabenfeld der PHs sollte zusammengestrichen und auf das Wesentliche begrenzt werden. Dabei ist zwischen der Ausbildung der Primar- und der Sekundarlehrpersonen zu unterscheiden. Die Fachausbildung der Sekundarstufe 1 sollte der Pädagogischen Hochschulen entzogen und wieder den Universitäten und eidgenössischen Hochschulen übertragen werden. Die PHs müssten sich auf die methodisch-didaktische Ausbildung beschränken, mit verstärktem praxisorientierten Bezug: Wie bringe ich in einer ersten Sekundarschulklasse das Bruchrechnen den Lernenden motivierend und erfolgreich bei? Wie kann ich den Schülerinnen und Schülern auf eine nachhaltige Art den Subjonctif erklärten, sodass diese das Gelernte erfolgreich anwenden können?

«Die Pädagogischen Hochschulen müssten sich auf die methodisch, didaktische Ausbildung beschränken, mit verstärktem praxisorientierten Bezug.»

Beschränken sich die PHs auf das Wesentliche, so kann die methodische-didaktische Ausbildung ohne Qualitätsverlust auf ein Jahr beschränkt und auf ein Arbeitspensum von rund 50 Prozent beschränkt werden. Das gibt den angehenden Lehrpersonen Freiraum für die praktische Ausbildung an den Schulen. Sie wären in der Lage, bereits ein Teilpensum an einer Schule zu übernehmen, um erste konkrete Erfahrungen zu sammeln. Dadurch wäre gewährleistet, dass die Studierenden schnell erkennen, was ihnen für einen guten Unterricht fehlt und mit welchen Lerninhalten die PHs sie unterstützen könnten.

Und bei der Primarstufe?

Betreffend Fachwissen reicht eine Maturität aus, um an den Primarschulen unterrichten zu können, ausgenommen vielleicht in den Fremdsprachen. Vereinzelte Impulse und Auffrischungen können gegebenenfalls gleichwohl sinnvoll sein. Betreffend methodisch-didaktischen Kompetenzen benötigen die angehenden Primarlehrpersonen hingegen eine vertiefte Ausbildung. Dies auch deswegen, weil sie gegen Ende der Primarschulzeit gleichzeitig die lernschwächeren und lernstärkeren Schulkindern in derselben Klasse unterrichten. Die Heterogenität ist heute insbesondere in einer fünften und sechsten Primarklasse erheblich. Das nötige Rüstzeug zur Bewältigung dieser schwierigen Aufgaben müssten ihnen die PHs vertieft vermitteln.

Daniel Wahl, Journalist Nebenspalter

  
11.11.2022

Fragwürdige Arbeit der Jugendanwaltschaft

Die Jugendanwaltschaft des Kantons Basel-Landschaft hat es hin und wieder nicht eilig, offene Fälle im Jugendstrafverfahren abzuschliessen. Der Starken Schule beider Basel (SSbB) sind mehrere Fälle bekannt, in denen das Verfahren der Jugendanwaltschaft von der Eröffnung bis zum Urteil ein Jahr und länger dauerte. Diese lange Zeit der Ungewissheit ist nicht nur für die betroffenen Jugendlichen belastend, sondern oft auch für eine ganze Schulklasse.

Über solch einen gravierenden Fall hat die SSbB kürzlich berichtet (siehe hier): Nach rund 30 belastenden Monaten wurde die beschuldigte 15-jährige Schülerin vom Jugendgericht in allen Punkten freigesprochen, nachdem Jugendanwalt Baumgartner die Jugendliche mittels Strafbefehl für schuldig gesprochen hatte. Das Jugendgericht kritisierte die Anklageschrift des Jugendanwaltes in einer bemerkenswerten Deutlichkeit, welche die Arbeit des Jugendanwaltes in diesem Fall in kein gutes Licht rückt.

Nach dem rechtskräftigen Freispruch der Schülerin bleiben jedoch einige offene Fragen, welche die Jugendanwaltschaft betreffen:

  • Beim besagten Fall wird das beschuldigte Mädchen von Jugendanwalt Baumgartner verurteilt, ohne dass das Mädchen von diesem befragt wurde. Einzig ganz zu Beginn des Verfahrens durfte die Jugendliche sich gegenüber einem Polizisten rechtfertigen. Was hat Jugendanwalt Baumgartner daran gehindert, beim Eingang der Anzeige die Angeschuldigte sofort und persönlich zu befragen, bevor die Untersuchungsbeauftragten unter seiner Verfahrungsleitung 9 Monate nach dem Vorfall sieben Mitschülerinnen der beschuldigten Jugendlichen als Zeuginnen oder Auskunftspersonen befragten?
  • Ist es Praxis der Jugendanwaltschaft, Zeugeneinvernahmen durchzuführen und im Anschluss danach einen Strafbefehl zu erlassen ohne vorgängig das beschuldigte Mädchen mit den Ergebnissen der Zeugenbefragungen zu konfrontieren und ihr die Möglichkeit zu geben, ihre Position dem Jugendanwalt darzulegen?
  • Das beschuldigte Mädchen hat den Jugendanwalt mehrfach mündlich und schriftlich gebeten, ihren Klassenlehrer und eine weitere involvierte Lehrperson anzuhören, welche sachdienliche und entlastende Hinweise hätten geben können. Der Jugendanwalt hat sich jedoch entschieden, die Beweisanträge des Mädchens (Befragung der Lehrpersonen) zu ignorieren und nicht formell zu behandeln. Weshalb sind die entlastenden Beweisanträge des Mädchens nicht formell behandelt worden?
  • Jugendanwalt Baumgartner hat das 15-jährige Mädchen mittels Strafbefehl und hohen Folgekosten verurteilt, ohne dass sich das Mädchen verteidigen konnte. Das Mädchen wurde bis dahin weder von ihren fremdsprachigen Eltern noch von einem Anwalt juristisch unterstützt. Nach dem Urteil der Jugendanwaltschaft vermittelte ihr die Starke Schule beider Basel einen Strafverteidiger, der beim Jugendgericht Einsprache gegen den Strafbefehl von Jugendanwalt Baumgartner erhob und fortan auch ihre Interessen vor dem Jugendgericht vertrat. Die Urteilsbegründung des Strafbefehls von Jugendanwalt Baumgartner war offensichtlich derart fehlerhaft, dass das Jugendgericht die Arbeit des Jugendanwaltes scharf kritisierte und die Jugendliche in allen Punkten freisprach. Ist sich Jugendanwalt Baumgartner bewusst, dass der Erlass eines Strafbefehls mit dem Vorwurf, eine Körperverletzung begangen zu haben, wodurch hohe Schadenersatzkosten zu leisten sind, für eine Jugendliche einschneidend ist und deshalb die Arbeit der Jugendanwaltschaft mit grosser Sorgfalt erledigt werden muss?

Die Starke Schule beider Basel erwartet von der Jugendanwaltschaft, strafrechtliche Verfahren gegen Jugendliche im schulpflichtigen Alter zügig anzugehen und abzuschliessen, so wie dies gemäss Strafprozessordnung auch vorgesehen ist. Dies, weil laufende Strafverfahren ein Klassenklima erheblich belasten und das unbeschwerte Lernen behindern können.

Jürg Wiedemann
Vorstand Starke Schule beider Basel
 
 

09.11.2022

Pädagogen foutieren sich um Bedürfnisse der Wirtschaft

Das kleine «Schulmuseum Bern» mit der innovativen Museumsleiterin Andrea Matter hat kürzlich ein Experiment gestartet: Es will nicht einfach die Welt der Schiefertafeln, Tintenfässchen und Federkielen zeigen, sondern einen Ausblick auf die Zukunft der Schule gewähren. Dazu wurde eine Umfrage lanciert, um die möglichen Reformbewegungen zu ermitteln. Beantwortet werden soll diese Kernfrage: In welche Richtung soll sich unser Bildungswesen weiterentwickeln, was soll die Schule über Bord werfen, worauf soll sie sich zurückbesinnen?

Das Resultat nach den Antworten von über 1100 Teilnehmern an der Umfrage: Nur ganz wenige setzen auf die traditionellen Bildungsinhalte Lesen, Schreiben und Mathematik. Grossgeschrieben wird hingegen die Individualisierung und die Personalisierung. Für das Resultat, das signifikant an den Bedürfnissen der Berufswelt vorbeizielt, sind die vor allem Pädagogen im Kanton Bern und die Studenten der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern verantwortlich. Sie bilden die Mehrheit im Teilnehmerfeld der Umfrage, wie Ausstellungsbetreuerin Ruth Plüss zum «Nebelspalter» sagt.

In der Schweiz sind seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kantone für die Schulbildung verantwortlich. Die staatliche Hoheit über die Schule wird bis heute aber auch kritisch gesehen. Das Schulmuseum Bern stellt daher die Frage, ob die Volksschule in dieser Form weiter bestehen oder ein Abbau an staatlicher Lenkung erfolgen soll. Denn Wissen, wie Matter schreibt, ist heute jederzeit und von überall aus abrufbar. Reicht das, um die globalisierten Probleme lösen zu können? Bringt uns künstliche Intelligenz oder die sinnliche Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit weiter? Individualisierung oder Gemeinschaftssinn? Traditioneller Unterricht oder Home-Schooling? Fünf vom Schulmuseum formulierte, fiktive Initiativen geben die Stossrichtungen vor.

Fünf Initiativen, fünf Schulentwicklungsmöglichkeiten

Man könnte sich beispielsweise mit der Initiative «für eine smarte Schule» politisch für eine konsequente Digitalisierung der Schule einsetzen, oder mit der Initiative «Nein zu den Bildungsexperimenten» eine Rückbesinnung auf die traditionellen Erziehungs- und Bildungsmethoden fordern. Die drei weiteren «Fantasie-Initiativen» zeichnen Wege vor, wie es in Richtung Abbau der Staatsschule gehen könnte, in Richtung Aufbau einer «Schule für alle» mit Chancengleichheit oder für eine Schule, in der Kreativität und Individualität grossgeschrieben werden.

Auf der Internetseite «www.schule-zukunft.ch», die mit dem Museum verlinkt ist, kann man sich mittels Fragebogen ein bildungspolitisches Profil erstellen lassen. Das Programm berechnet dann, welche der fünf fiktiven Initiativen am besten zu einem passen.

Keine Noten, keine Selektion

Das bemerkenswerte Resultat nach 1171 Teilnehmenden (Stand 6. November): Die meisten wünschen sich eine Individualisierung und Personalisierung der Schule und mehr Beteiligung der Schüler. Diese Positionen (siehe Smartspider) bedeuten, dass sich die Mehrheit der Umfrageteilnehmer für eine Schule ohne Noten aussprechen, für Schulen als Ort gelebter Demokratie, wo die Kinder über das eigene Lernen und bei Fragen zur Schulorganisation stärker mitreden können, wo es weniger Quervergleiche in der Lerngruppe gibt und die Schule als Coach verstanden wird.

Wenig Fürsprecher finden traditionelle Bildungsinhalte oder eine rechtzeitige Selektion der Schüler in die drei Leistungszüge Realschule, Sekundarschule und Sekundarschule gymnasialer Abteilung. Die Gleichheit aller scheint den Teilnehmenden der Umfrage wichtiger.

Es ist nach Aussage des Schulmuseums Bern ein Umfrage-Ergebnis, das durch die an der Schulentwicklung besonders interessierten Personenkreise geprägt ist, insbesondere durch PH Bern und die Pädagogen im Kanton.

Die Resultate der Umfrage stehen diametral zum Volkswillen. Noch immer will eine Mehrheit der Schweizer Noten an den Schulen. Das Ergebnis ebenso liegt quer zu den Bedürfnissen der Berufsschüler beziehungsweise der Wirtschaft. Eine Erhebung der Berufsschule Lenzburg in diesem Frühling hat beispielsweise ergeben, dass die Berufsschüler ihre grössten Defizite beim Lesen und Schreiben orten und dort eine Verbesserung erwarten.

Auf den Punkt bringt es der frühere, langjährige Schuldirektor der Berufsschule Thun, Hansrudolf Gerber: «Die Berufsbildung verlangt andere Kompetenzen als die Umfrage des Schulmuseums Bern zeigt. Wer nicht lesen und schreiben kann, kann die Aufgaben nicht erfüllen.» Eine Schule ohne Noten ziele an der Lebenswirklichkeit vorbei. «Die Kinder wollen wissen, wo sie stehen. Das sehe ich schon bei meinen Grosskindern; das ist nicht einfach negativ.»

Wenn einer die Bedürfnisse der Wirtschaft kennt und sie mit den Erfahrungen der Volksschule verschmelzen kann, dann ist es Gerber. Er begann mit einer Lehre als Maschinenzeichner, arbeitete sich zum Ingenieur Maschinenbau empor, wurde Primarlehrer, studierte später Berufspädagogik und leitete schliesslich eine Berufsschule.

Pädagogische Hochschulen «im falschen Film»

Den Pädagogischen Hochschulen wirft er vor, dass sie sich «im falschen Film» befänden - «ideologisch unterwegs wie in einer Sekte». «Die Wirtschaft benötigt Selektion. Gute Firmen selektionieren immer noch stark, selbst in Phasen von Fachkräftemangel», sagt er. Und bei näherer Betrachtung der Umfrage ist ihm aufgefallen, dass sich alles «nur um den Kunden» dreht - den Schüler. Gerber sagt: «Auch die Lehrer müssten Bereitschaft zeigen, sich im Rahmen einer Bildungsreform neu zu erfinden.» Doch daran würden die PHs nicht arbeiten. Bei den Intellektuellen gehe es um Sozialkompetenz, «aber, wenn ein Lehrer keine Führungsqualität hat, dann ist er nach einem halben Jahr weg, weil ihn die Schüler fertig machen.»

Der Frage, warum sich die Pädagogen an den PHs um die Wirtschaft foutieren, hat sich der frühere Baselbieter Landrat und Sekundarschullehrer Jürg Wiedemann gestellt. Wiedemann hat in der Nordwestschweiz mit dem Verein «Starke Schule beider Basel» ein grosses, referendumsfähiges Netzwerk aufgebaut und erhält viele Feedbacks aus den Pädagogischen Hochschulen.

Nur Interesse am Neuen

Er geht mit den Lehrerkaderschmieden ins Gericht: «An den schweizerischen PHs sind hochqualifizierte Personen angestellt, die vor allem wissenschaftlich arbeiten wollen. Das Dozieren und das Ausbilden der angehenden Lehrpersonen in dem Sinne, dass die Studentinnen und Studenten das Rüstzeug bekommen sollen, um traditionell und gut unterrichten zu können, ist für sie wenig interessant.» Die PHs entwickelten teilweise abstrakte, nicht überprüfbare Reformen wie das «Sprachbad mit dem Lehrmittel Milles feuilles», das den Französischunterricht in vielen Kantonen zum Absturz gebracht hat. Wiedemann: «Solche neuen Ideen wollen die PHs ihren Studierenden unterjubeln. Wer nicht mitmacht, sondern das Neue hinterfragt, wird abgewürgt.» Das präge die angehenden Lehrer und folglich auch das Umfrage-Ergebnis.

Das Schulmuseum Bern

Das Schulmuseum Bern ist aus einer Sammlung mit rund 80’000 Gegenständen hervorgegangen, die der Gründer Kurt Hofer in den 1960er-Jahren zu sammeln begann: Bücher, Wandbilder, alte Gerätschaften aus dem Chemie- und Physikunterricht, Möbel, Schiefertafeln, ausgestopfte Tiere. Über die Jahre erhielt er immer mehr Anfragen von Privatpersonen und Schulhaus-Vorständen, die ihm ihre Antiquitäten überlassen wollten. Er lagerte alles in seinem Einfamilienhaus ein.

2008 konnte dann im Schloss Köniz ein Schulzimmer wie vor 100 Jahren eingerichtet werden. Noch immer ist man daran, die gesammelten Objekte zu archivieren und digital zu erfassen.

Daniel Wahl
Journalist Nebelspalter

 

08.11.2022

Pädagogische Hochschule seit Jahren in der Kritik

Die Pädagogische Hochschule der FHNW kommt nicht aus den Schlagzeilen. In regelmässigen Abständen erreichen uns Mails und Briefe von Studierenden, die über haarsträubende Zustände berichten. Diese reichen von mangelnder Unterrichtsqualität, sinnlosen Inhalten bis zu Dozierenden, die den angehenden Lehrpersonen das Unterrichten beibringen sollten, selbst aber noch gar nie vor einer Schulklasse standen. Folgend ein Schreiben eines Studenten, dessen Name der Redaktion bekannt ist, den wir aber zum Schutz des Studierenden nicht publizieren.

«Ich studiere zurzeit an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) und möchte die Lehrberechtigung für die Sekundarstufe 1 erlangen. Nebenbei, um etwas Geld für mein Studium zu verdienen, unterrichte ich bereits an einer Baselbieter Sekundarschule. Obwohl ich wahnsinnig gerne unterrichte und mit den Jugendlichen zusammenarbeite, stehe ich kurz davor, das frustrierende Studium an der PH hinzuschmeissen.

Vor einigen Jahren habe ich bereits ein Studium im Kunstbereich mit einem Master abgeschlossen und durfte in unterschiedlichen Kunstbetrieben während längerer Zeit wertvolle Erfahrungen sammeln, was mir hilft, den Unterricht an der Sekundarschule stetig zu verbessern. Auch die Sekundarschüler/-innen profitieren von meiner langjährigen Berufserfahrung.

Irritierend ist nun, dass ich an der PH fachwissenschaftliche Einführungsseminare im Bereich der Kunst besuchen muss, die mir Dinge beibringen wollen, die ich jahrelang in meinem Beruf ausgeführt habe. Dies hat zur Folge, dass ich von diesen Seminaren nichts profitieren kann. Mein Antrag, mich von diesen Einführungsseminaren zu befreien und mir die entsprechenden Kurse als individuelle Arbeitsleistung anzurechnen, aufgrund der Tatsache, dass ich an diesen Kursen kein neues Wissen erlange, jedoch einen riesigen zeitlichen Arbeitsaufwand leisten muss, wurde abgelehnt. Er wurde nicht einmal seriös geprüft. Die Begründung der PH ist lapidar: Es gehe nicht darum, ob ich etwas schon könne, sondern allein darum, ob ich ein Papier besitze, das mir bescheinigt, das zu können.

Ähnlich geht es vielen Studierenden der PH aus den Bereichen Bildnerisches, Technisches und Textiles Gestalten. Groteskes Beispiel sind zwei Studierende mit abgeschlossener vierjähriger Schreiner- und Schlosserlehre, welche Seminare zu Grundlagen der Holz- bzw. Metallbearbeitung besuchen müssen. Es scheint, als würde die PH in den gestalterischen Fächern riesige Hürden aufstellen, dabei werden gerade TTG-Lehrpersonen händeringend gesucht.

Mein Fach begeistert mich und ich lerne grundsätzlich gerne Neues. An der PH geht es jedoch nicht darum, Neues und schulisch Relevantes zu lernen, sondern darum, Kurse und ihre Inhalte systematisch abzuarbeiten. Ob Studierende in den Seminaren profitieren, ist scheinbar nicht relevant. Es geht offensichtlich nur darum, dass die Studierenden belegen können, Seminare besucht zu haben. Der Inhalt der Seminare wird zur Nebensache.

In zahlreichen Seminaren bestehen die Leistungsnachweise daraus, perfekte Unterrichtsplanungen mit akribischen Feinplanungen vorzulegen. Mehrere Dozierende geben unter vorgehaltener Hand ehrlich zu, dass man diese detaillierten Planungen nur für die PH machen müsse und dass man diese später sicher nie mehr gebrauchen könne.

Startet man mit den in der PH erlernten Kompetenzen in den Beruf als Lehrperson, stellt man die untaugliche Ausbildung und ungenügende Vorbereitung auf das Unterrichten schnell fest. Wenig aus dem Studium der PH lässt sich im eigenen Unterricht verwenden. Ich wünsche mir, dass die PH mir beispielsweise beibringt, wie Lerninhalte den Schulkindern motivierend beigebracht, Schwierigkeiten mit renitenten Lernenden gemeistert und Elterngespräche zielführend geführt werden können. Im Studium kommen diese Inhalte viel zu kurz. Dabei ist ohne ein gutes Miteinander im Unterrichtsraum das Vermitteln von Fachwissen nur schwer möglich. Stattdessen paukt man an der PH, wie richtiges Zitieren funktioniert.»

In den kommenden Wochen möchten wir weitere Stellungnahmen von Studierenden publizieren. Gerne behandeln wir diese vertraulich. Mailen Sie uns Ihre Texte an starke.schule.beider.basel@gmx.ch.

Lena Heitz
Vorstand Starke Schule beider Basel

06.11.2022

Promotionsordnung der Sek. 1 muss angepasst werden

Deutlicher hätte das Abstimmungsresultat im Baselbieter Landrat nicht ausfallen können: Das Parlament überwies an der Sitzung vom 3. November 2022 ein Postulat von Anita Biedert (SVP) sehr deutlich mit 71 zu 4 Stimmen bei 4 Enthaltungen. Die Bildungsdirektion ist nun aufgefordert, die Promotionsordnung der Sekundarschulen anzupassen. Eine Arbeitsgruppe wird nun prüfen, wie der politische Vorstoss umgesetzt werden soll.

Die Schwachstellen der Laufbahnverordnung des Kanton Basel-Landschaft sollen im Sinne des Vorstosses angepasst werden. Dabei ist zwingend, dass ungenügende Zeugnisnoten in den sprachlich/historischen Fächern (Phil I) und in den mathematisch/naturwissenschaftlichen Fächern (Phil II) nur noch innerhalb ihres Bereichs kompensiert werden können, also nicht mehr durch gute Noten in den musischen/handwerklichen Fächern (Phil III). Neu soll es also an den Baselbieter Sekundarschulen nicht mehr möglich sein, dass beispielsweise zwei Dreier im Zeugnis in den Fächern Deutsch und Mathematik durch sehr gute Noten in Musik und Sport kompensiert werden können. Andererseits können ungenügende Noten in den Phil III-Fächern weiterhin durch gute Noten in Fächern der Bereiche Phil I und Phil II ausgeglichen werden.

Wichtige Bildungsplayer kritisieren das heutige Promotionsmodell

Heute bemängeln alle wichtigen im Bildungsbereich involvierten Beteiligten (Lehrerinnen- und Lehrerverband, Starke Schule beider Basel, Erziehungsberechtigte, Bildungspolitiker/-innen, Wirtschaft) das heutige Promotionssystem. Aussagekräftig sind auch die Ergebnisse einer Umfrage der Starken Schule beider Basel bei den Baselbieter Lehrpersonen. Mit 71.9% der Teilnehmenden hat sich eine überwiegende Mehrheit für eine grundsätzliche Überarbeitung des Promotionsmodells ausgesprochen (siehe den entsprechenden Artikel hier).

Die Schüler/-innen wähnen sich heute in einer falschen Sicherheit, da sie schlechte Noten in Fächern, die für die weiterführenden Schulen wichtig sind (Deutsch, Mathematik, Englisch usw.) durch gute Noten in den musischen/handwerklichen Fächern kompensieren können und damit befördert werden, ohne aber die Übertrittsbedingungen am Ende der obligatorischen Schulzeit zum Beispiel fürs Gymnasium oder die Fachmittelschule (FMS) zu erfüllen. Die Schulabgänger/-innen riskieren damit, keine adäquate Anschlusslösung zu finden.

Musische und handwerkliche Fächer behalten ihre Bedeutung

Um diesem Umstand vorbeugen zu können, bedarf es einer Anpassung in Bezug auf die Promotionsregelung für alle drei Schuljahre der Sekundarschulen. Die Bedenken, dass die Phil III-Fächer dadurch marginalisiert werden und an ihrer unbestrittenen Bedeutung verlieren könnten, dürfen unbesorgt dementiert werden. Es gilt, diese Fächer weiterhin in einer Seriosität zu pflegen und zu gewichten.

Anita Biedert, Landrätin SVP
 
 

04.11.2022

Verbot von Kleinpensen führt zu verminderter Bildungsqualität

Bildungspolitiker/-innen aus den beiden Basler Halbkantonen haben mittels parlamentarischer Vorstösse die Einführung von Mindestpensen an den Volksschulen thematisiert. Damit wollen sie dem Mangel an Lehrpersonen begegnen. Das Urteil der Pädagoginnen und Pädagogen für diese politische Einmischung in die organisatorische Führung der Schulen ist vernichtend: Die überwiegende Mehrheit lehnt ein Verbot von Kleinpensen ab und stuft dieses als kontraproduktiv ein.

Kürzlich ist im Kanton Basel-Stadt durch die FDP eine Motion eingereicht worden, welche den Schulleitungen verbieten will, Lehrpersonen mit einem Beschäftigungsgrad von weniger als 50% anzustellen. Das Resultat einer Ende Oktober durchgeführten Umfrage der Starken Schule beider Basel (SSbB) zu diesem Thema, an der insgesamt 801 Lehrpersonen der Primar und den beiden Sekundarstufen sowie 67 weitere Bildungsinteressierte teilnahmen, ist aussagekräftig und spricht Bände.

Die befragten Lehrpersonen unterrichten zu ungefähr gleichen Teilen auf der Primarstufe und der Sekundarstufe 1. Ein bisschen weniger Personen arbeiten auf der Sekundarstufe 2 und wenige Bildungsinteressierte an anderen Bildungsinstitutionen, wie beispielsweise an einer Hochschule oder Universität.

Lehrpersonen sprechen sich deutlich gegen ein Verbot von Kleinpensen aus

Die Teilnehmenden wurden aufgrund der aktuellen politischen Vorstösse gefragt, ob sie ein gesetzlich verankertes Verbot von Kleinpensen an den Volksschulen von unter 35% respektive von unter 50% befürworten. Beides wurde sehr deutlich abgelehnt (siehe folgende Grafik).

 

Ein Verbot von Kleinpensen unter einem Anstellungsverhältnis von 35% lehnen 66.4% der Befragten klar ab, 26.9% stimmen einem solchen Gesetz zu und 6.8% enthalten sich. Ein Verbot von Kleinpensen von unter 50% lehnen sogar 82.6% ab. Lediglich 12.5% sprechen sich dafür aus und 4.9% enthalten sich.

Attraktivitätsverlust des Lehrberufs

Die Teilnehmenden konnten u.a. zu verschiedenen Detailfragen bezüglich Auswirkungen einer Mindestpensenregelung Stellung nehmen.

  • Bei den Fragen «Erhöht die Einführung von Mindestpensen die Flexibilität der Sekundarschulleitungen bei den Klassenzuteilungen» und «Führt die Einführung von Mindestpensen vermehrt zum Einsatz von fachfremden Lehrpersonen an den Sekundarschulen?» überwiegen beide Male die Ja-Stimmen nur knapp die Nein-Voten. Erstaunlich war die grosse Zahl derjenigen (29.3% resp. 31.7%), welche die Frage mit «weiss nicht» beantworteten.
  • Dass die Einführung von Mindestpensen einen «Attraktivitätsverlust des Lehrberufs» zur Folge hat, bestätigen 75.5% mit «ja» oder «eher ja». 21.1% stimmen dem nicht oder eher nicht zu und 3.5% geben an, dies nicht einschätzen zu können.

Verbot von Kleinpensen führt zu noch grösserem Mangel an Lehrpersonen

  • Mehr als drei Viertel der Befragten (77.3%) sehen durch die Einführung eines Verbots von Kleinpensen eine Verminderung der «Vereinbarkeit von Familie und Beruf». Lediglich 20.1% sehen diesbezüglich keine Nachteile und 2.6% enthielten sich.

490 Teilnehmende nutzten die Möglichkeit, ihre Voten detailliert und argumentativ zu begründen. Betreffend «Vereinbarkeit von Familie und Beruf» erhielten wir sehr viele und auch ausführliche Stellungnahmen. Folgende Argumente wurden sinngemäss häufig formuliert: Beide Elternteile sollen die Möglichkeit haben, neben der Kinderbetreuung die Lehrtätigkeit an einer Schule mit einem kleinen Pensum weiterhin ausüben zu können. Würde eine Regelung bezüglich Mindestpensen eingeführt, würden viele Mütter und Väter mit Kleinkindern ihre Anstellung in diesen Erziehungsjahren verlieren, was den späteren Wiedereinstieg verkomplizieren würde. Dies nähme vor allem auf der Primarstufe, an der überdurchschnittlich viele junge Frauen unterrichten, ein beachtliches Ausmass an. Ein ähnliches Problem stellt sich bei angehenden Lehrpersonen, welche mit ihrem Studium noch nicht fertig sind. Sie sollten weiterhin die Möglichkeit haben, noch vor Abschluss ihrer Ausbildung mit einem kleinen Pensum in den Beruf einsteigen zu können und erste Erfahrungen zu sammeln. Viele Teilnehmende der Umfrage erachten deshalb ein allfälliges Verbot von Kleinpensen nicht als Beitrag zur Reduktion des vorhandenen Mangels an Lehrpersonen. Im Gegenteil: Die Schulen hätten noch grössere Schwierigkeiten offene Stellen zu besetzen.

  • Diese obigen Aussagen zeigen sich auch bei der Auswertung der Frage «Trägt die Einführung von Mindestpensen zur Verminderung des Mangels von Lehrpersonen bei?». 60.1% finden eine Einführung von Mindestpensen würde zum Lehrpersonenmangel nichts oder eher nichts beitragen. 28.2% sehen in einer solchen Regelung eine mögliche Lösung, 11.7% können dies nicht beurteilen.
  • Ebenfalls keine Vorteile von Mindestpensen sehen die Befragten betreffend Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schüler/-innen. Laut 52.2% würde sich diese nicht oder eher nicht verbessern, 34.4% sehen darin eine Verbesserungsmöglichkeit. 13.4% möchten keine Aussage machen. Damit entkräftigen die Lehrpersonen die Hauptargumente der Initianten der eingereichten Vorstösse.

Verbot von Kleinpensen überspannt den Bogen

Die SSbB teilt die Haltung der überwiegenden Mehrheit der Lehrpersonen, auch wenn zu viele Kleinpesen unbestrittenermassen zu einer administrativen und organisatorischen Mehrarbeit führen und eine Teamführung mit vielen Lehrpersonen aufwändiger ist.

Ein Verbot von Kleinpensen überspannt den Bogen und wirkt nicht zielführend. Es hätte nicht nur einen deutlichen Attraktivitätsverlust des Lehrberufs zur Folge, sondern indirekt auch einen Abbau der Unterrichtsqualität. Insbesondere an den Sekundarschulen könnten noch offene Restpensen in einzelnen Fächern nicht mehr mit einer zusätzlichen Fachlehrperson besetzt werden, welche über die Lehrberechtigung in diesem Fach verfügt. Es müssten Lehrpersonen eingesetzt werden, die bereits in einem grösseren Teilpensum angestellt sind, auch wenn sie gar nicht über die entsprechende Fachausbildung verfügen. Eine Lehrperson, welche die Lehrberechtigung für Physik, Chemie und Biologie hat, müssten beispielsweise eine Matheklasse übernehmen, weil eine weitere ausgebildete Mathematiklehrperson nicht zu einem kleinen Pensum angestellt werden dürfte. Dies würde unweigerlich zu einer Verminderung der Unterrichtsqualität führen.

Alina Isler
Vorstand Starke Schule beider Basel

 

28.10.2022

Fremdsprachenkonzept steht auf dem Prüfstand

Seit rund 25 Jahren jagt eine Schulreform die nächste: Geleitete Schulen, Integration, Inklusion, Werkstattunterricht, selbstorganisiertes Lernen, Sammelfächer, Kompetenzorientierung, Bewertungsraster, kollegiale Kooperation, Lernlandschafen, Digitalisierung usw. Das Reformkarussell an der Schweizerischen Volksschule dreht sich mittlerweile so schnell, dass die Bildungspolitik vor lauter Schwindel offenbar längst die Orientierung und damit den Blick aufs Wesentliche verloren hat. Die sorgfältige Vermittlung von Schulstoff ist in den Hintergrund gerückt.

In der Gier nach Neuem nehmen sich die politisch Verantwortlichen nicht die Zeit, Reformen vorgängig mittels Pilotstudien auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Im Falle von Frühfranzösisch führt dies nun zum Debakel. Die nationale «Überprüfung der Grundkompetenzen» (ÜGK) stellt in den beiden Basler Halbkantonen miserable Französischkenntnisse am Ende der Primarschule fest.

Ungenügende Sprachkenntnisse fordern Umstrukturierung des Fremdsprachenkonzepts

Was die Deutschkenntnisse betrifft, können gemäss Pisa-Studie viele Lernende weder einfachste Sätze verstehen noch einen zusammenhängenden Text verständlich schreiben. Bei rund einem Viertel der Schüler/-innen sind nach der obligatorischen Schulzeit die Lese- und Schreibfähigkeiten ungenügend. Ein Grund dafür ist der signifikante Abbau des Deutschunterrichtes in der Primarstufe zugunsten von Frühfranzösisch. Dies sollte nun dringend korrigiert werden.

Ein Plädoyer für die Verlagerung des Fremdsprachenunterrichts von der Primarstufe hin zur Sekundarstufe 1 sind auch die Erkenntnisse des Bündner Sekundarlehrers Urs Kalberer. In seiner Masterarbeit an der Universität Manchester untersuchte er den Einfluss frühen Englischunterrichts auf den langfristigen Lernerfolg. Das Ergebnis war eindeutig: «Spätlerner erreichten sehr rasch das Niveau von Frühlerner. Es gibt keine Studie, die belegt, dass Fremdsprachen besser gelernt werden, nur weil die Schüler jünger sind.» In Sachen Französisch wird dieser Befund belegt durch kantonale Quervergleiche. Lernende aus Kantonen mit Frühfranzösisch sind nach sieben Jahren nicht weiter als solche aus Kantonen ohne Frühfranzösisch, wo sie lediglich fünf Jahre lernten. Simone Pfenninger, Professorin der Linguistik, meint in diesem Zusammenhang: «Es geht nicht um die Frage wann, sondern wie. Wichtig sind Lehrer, die Intensität und die Grössen der Klassen. Das Alter ist für das Erlernen der Sprache dagegen eher eine schwache Variable.» Betreffend Intensität halten die Kinder bei durchschnittlich zweieinhalb Wochenlektionen Französisch auf der Primarstufe allenfalls den grossen Zeh ins ausgetrocknete Sprachbad.

Zusätzliche Fremdsprachen sind eine Überforderung

Rund ein Drittel der Lernenden in der Volksschule hat einen fremdsprachlichen Hintergrund – im Stadtkanton ist diese Zahl noch grösser. Diese Kinder müssen sich somit, abgesehen von Englisch und Französisch, noch zusätzlich Deutsch als Fremdsprache aneignen. Nimmt man die lernschwachen Schüler/-innen hinzu, liegt es auf der Hand, dass weit über die Hälfte aller Lernenden mit dem Fremdsprachenunterricht auf der Primarstufe überfordert ist. Es ist in diesem Zusammenhang kein Zufall, dass heute mittlerweile rund 35 Prozent der Schüler/-innen Nachhilfeunterricht erhalten. Diese offenbare Notwendigkeit ist sowohl ein Verstoss gegen den Charakter einer Volksschule als auch gegen die Chancengerechtigkeit.


Angesichts der grossen Beliebtheit des Englischs insbesondere auch auf der Primarstufe und der weltweiten Bedeutung dieser Sprache gibt es kaum Argumente gegen Frühenglisch. Die Argumente gegen Frühfranzösisch hingegen sind erdrückend: Die Sprache ist im Unterricht unbeliebt, sie wird auf der Primarstufe von teilweise ungenügend qualifiziertem Personal mittels schlechter Lehrmittel vermittelt zulasten anderer Fächer.

Die bildungspolitischen Verantwortungsträger/-innen haben sich diesbezüglich längst von der Realität verabschiedet. Dem Reformkarussell laufen die Kugellager heiss, während sie sich im Geschwindigkeitsrausch an Illusionen ergötzen.

Jürg Wiedemann
Vorstand Starke Schule beider Basel

 

24.10.2022

Kleinpensen ermöglichen den Schulleitungen grössere Flexibilität

Bildungspolitiker/-innen aus den beiden Basler Halbkantonen thematisieren aufgrund des aktuellen Mangels an Lehrpersonen mittels politischen Vorstössen die Einführung von Mindestpensen an den Volksschulen. Kürzlich ist im Kanton Basel-Stadt durch die FDP eine Motion eingereicht worden, welche den Schulleitungen verbieten will, Lehrpersonen mit einem Beschäftigungsgrad von weniger als 50% anzustellen. Die radikale Forderung hat bei Schulleitungen und Lehrpersonen Unverständnis ausgelöst.

In der Beantwortung einer schriftlichen Anfrage erläutert der Regierungsrat von Basel-Stadt die statistischen Zahlen betreffend Anzahl Lehrpersonen mit Teilpensen: Erwerbstätige mit einem Beschäftigungsgrad von weniger als 90% gelten als Teilzeitarbeitende, alles darüber wird als Vollpensum gezählt. Im Schuljahr 2019/20 unterrichteten an den Basler Volksschulen insgesamt 2'261 Lehrpersonen, davon 1'895 in einem Teilpensum, was 77.4% entspricht. Dieser Prozentsatz bleibt auch in den darauffolgenden beiden Schuljahren mit 78% konstant. Mit einem Pensum von weniger als 30% arbeiteten im Schuljahr 2019/20 auf der Primarstufe lediglich 8.1%, auf der Sekundarstufe 1 gar nur 6.7%.

Im Nachbarkanton Basel-Landschaft unterscheidet sich die Aufgliederung der Angaben aufgrund der im Landrat eingereichten Anfrage, weshalb ein direkter Vergleich mit den obigen Zahlen aus Basel-Stadt schwierig ist. Gemäss dem Regierungsrat waren Ende August 2021 auf der Primarstufe 15% von insgesamt 2'988 Primarlehrpersonen mit einem Beschäftigungsgrad von weniger als 35% angestellt. Von den 683 Sekundarlehrpersonen arbeiteten 20% in einer Anstellung unter 35%.

Vorstösse wollen Kleinpensen verhindern

Die in Basel-Stadt eingereichte Motion orientiert sich am Genfer Modell und fordert Mindestpensen von 50%. Kleinere Pensen soll es künftig nicht mehr geben. In Baselland wurden diesbezüglich noch keine konkreten Forderungen gestellt, sondern nur Anfragen betreffend der Anzahl Beschäftigten im Lehrpersonenberuf mit einem Arbeitspensum von weniger als 35% gemacht.

Begründet werden die Forderungen jeweils mit dem akuten Lehrpersonenmangel, dem durch die Besetzung von höheren Stellenprozenten begegnet werden soll. Ein weiteres Argument für hohe Pensen sei die stärkere soziale und emotionale Bindung zwischen Lehrpersonen und Schüler/-innen, welche einen wesentlichen Bestandteil der pädagogischen Arbeit darstellt. Ausserdem würde die Schuladministration vereinfacht sowie die Belastung der Schulleitungen durch eine kleinere Anzahl von Beschäftigten vermindert.

Schulleitungen reagieren auf die Forderung mit Unverständnis

Gerade aufgrund des aktuellen Mangels an Lehrpersonen benötigen die Schulleitungen eine möglichst grosse Flexibilität beim Anstellen der Lehrpersonen. Oft müssen insbesondere auf der Sekundarstufe 1 kurzfristig zusätzliche Klassen gebildet werden. Damit diese durch ausgebildete Fachpersonen unterrichtet werden können, müssen die Schulleitungen einzelne Lehrpersonen anstellen können, die nur eine Klasse auch in ein oder zwei Fächern unterrichten. Wäre dies nicht möglich, müssten zwangsläufig bereits an der Schule angestellte Lehrpersonen eingesetzt werden, auch wenn diese fachfremd sind und im zu unterrichtenden Fach keine entsprechende Ausbildung mit Lehrberechtigung verfügen. Dies würde die Unterrichtsqualität zwangsläufig signifikant senken. Heute können solche nicht abgedeckten Unterrichtslektionen in einzelnen Fächern oft durch pensionierte Lehrpersonen oder wiedereinsteigende Fachpersonen besetzt werden.

Kleine Teilpensen steigern die Attraktivität des Lehrberufs, insbesondere bezüglich Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Oft kann ein Elternteil, wenn die eigenen Kinder eingeschult werden, wieder ein kleines Arbeitspensum übernehmen. Sind solche Kleinpensen künftig nicht mehr zulässig, werden diese fundiert ausgebildeten Lehrpersonen ausgeschlossen. Der Mangel an Lehrpersonen könnte sich dadurch sogar akzentuieren.

Keine gesetzliche Verankerung von Mindestpensen

Die Starke Schule beider Basel (SSbB) lehnt die eingereichten Vorstössen mit der Festsetzung einer gesetzlichen Regelung zur Einführung von Mindestpensen ab. Obschon hohe Pensen aus organisatorischen Gründen eine Erleichterung bedeuten können, darf die Möglichkeit einer kleinen Anstellung nicht verwehrt werden; sei dies z.B. für angehende Lehrpersonen in Ausbildung, um diesen erste Erfahrungen zu ermöglichen oder für ausgebildete Lehrpersonen, welche aus privaten Gründen, wie beispielsweise aufgrund einer familiären Erziehungsarbeit, nur ein kleines Teilpensum übernehmen können.

Alina Isler
Vorstand Starke Schule beider Basel

 

19.10.2022

Im Landrat wird Abschaffung von Frühfranzösisch zum Thema

Der Französischunterricht auf der Primarstufe ist eine teure Angelegenheit. Obwohl grosse personelle und finanzielle Ressourcen investiert werden, bleiben die Erfolge aus: Ein Grossteil der Schüler/-innen kann am Ende der Primarschulzeit kaum einfache Sätze formulieren. Dies zeigt nicht nur die breit angelegte Umfrage der Starken Schule beider Basel (SSbB), sondern auch zahlreiche Studien, Artikel und Kommentare, die derart deutlich sind, dass eine bildungspolitische Diskussion angezeigt ist.

Landrätin Anita Biedert reicht morgen Donnerstag folgenden Vorstoss ein:

«Seit rund 10 Jahren lernen Primarschüler/-innen ab der 3. Primarschulklasse zwei Fremdsprachen. Mit insgesamt 14 Jahreslektionen (Französisch: 10 Jahreslektionen, Englisch: 4 Jahreslektionen) nehmen diese beiden Sprachfächer erhebliche zeitliche Ressourcen in Anspruch, dies v.a. zulasten des Deutschunterrichts respektive der deutschen Sprache schlechthin. Seit längerer Zeit beklagen und kritisieren Lehrpersonen der Primarstufe und Sekundarstufe I die bescheidenen und ungenügenden Französischkenntnisse der Schüler/-innen am Ende der Primarschulzeit.

Diese Kritik wird nun durch eine von der Starken Schule beider Basel (SSbB) kürzlich durchgeführten Umfrage, an der 548 Lehrpersonen und Bildungsinteressierte teilgenommen haben, bestätigt: 82,4% sind der Meinung, das Fremdsprachenkonzept der Primarstufe müsse überarbeitet werden. Eine grosse Mehrheit aller drei Schulstufen (Primarstufe, Sekundarstufe I und II) gab an, dass das Ausmass der Fähigkeiten und die erreichten Kenntnisse der Schüler/-innen am Ende der Primarschulzeit in keinem Verhältnis zum grossen Ressourcenaufwand von insgesamt 10 Jahreslektionen Französischunterricht stünden (Quelle).

Viele Schüler/-innen sind neben dem Lernen der deutschen Sprache mit zwei (weiteren) Fremdsprachen überfordert. Es zeigt sich, dass die Primarschüler/-innen mit der französischen Grammatik, die sehr komplex ist, grosse Mühe haben und dementsprechend unzureichende Leistungen erbringen. Englisch lernen sie leichter, weil die Begegnung mit dieser Sprache alltäglich ist. Dadurch können die Schüler/-innen diese Sprache schneller und geschickter anwenden, was die Motivation erhöht. Folglich zeigen sich im Englisch auch bessere Leistungen als im Französisch. Das neue Sprachenkonzept hat die Erwartungen also bei Weitem nicht erreicht.

Der Fokus beim Fremdsprachenkonzept auf der Primarstufe sollte deshalb mehr auf der Qualität statt auf der Quantität liegen. Aufgrund dessen sollte an der Primarschule auf den Französischunterricht verzichtet werden. Die freiwerdenden Lektionen könnten gewinnbringend in andere bestehende Fächer investiert werden.

Dass ein späteres Einsteigen in eine Fremdsprache langfristig keine negativen Auswirkungen auf den Fremdsprachenerwerb hat, zeigt u.a. die wissenschaftliche Langzeitstudie der Schweizer Linguistin Simone Pfenninger der Universität Zürich (2014): Der frühe Fremdsprachenunterricht bringt keinen nachhaltigen bzw. besseren Fremdsprachenerwerb. Bereits nach wenigen Monaten haben die Lernenden, die fünf Jahre später in den Fremdsprachenunterricht einstiegen, die Frühlernenden eingeholt und teilweise sogar überholt.

Die Regierung wird gebeten, eine Vorlage auszuarbeiten, mit welcher auf Gesetzesebene festgelegt wird, dass auf der Primarstufe nur Englisch als Fremdsprache unterrichtet wird. Der Französischunterricht beginnt erst auf der Sekundarstufe I. Allfällige Verträge und Konkordate, welche diese Umsetzung tangieren, sind zu kündigen.»

Alina Isler
Vorstand Starke Schule beider Basel
 
 

18.10.2022

Französisch auf der Primarstufe stark kritisiert

Die Umfrage der Starken Schule beider Basel (SSbB) mit über 500 Teilnehmenden zum Thema Frühfranzösisch liefert klare Ergebnisse: 82.4% fordern eine Überarbeitung des Fremdsprachenkonzeptes auf der Primarstufe (siehe Umfrage). Nach der Veröffentlichung dieser Resultate haben wir zahlreiche Rückmeldungen erhalten, wovon wir folgend einige abdrucken möchten.

Bitte endlich handeln!

Die SSbB sorgt wieder einmal für Daten, welche die Situation des frühen Fremdsprachenunterrichts aus Sicht der Lehrpersonen betrachtet. Die höchste Zustimmung erhielt die Frage, ob der Fremdsprachenunterricht überarbeitet werden soll. Bitte so schnell wie möglich!
Der Weg vom Gesamtsprachenkonzept von 2004 bis dato ist übersäht mit Pleiten und Pannen. Beginnen wir mit dem konstanten Druck der Politik auf die Schule. Konkret sollte mit Frühfranzösisch der Zusammenhalt des Landes gesichert werden – durch Primarschüler notabene! Das Politische überwog nicht nur das Pädagogische, sondern auch die Wissenschaft. Jahrelang wurden die miserablen Resultate verharmlost. Wissenschaftlich tendenziöse «Forschungsberichte» hingegen wurden durch die Bildungsdepartemente, die Pädagogischen Hochschulen und ja – auch durch die Lehrerverbände protegiert. Vieles wurde verschwiegen oder unter den Teppich gekehrt. Dabei herrscht in der Wissenschaft Konsens darüber, dass ein früher Start keine besseren Kenntnisse garantiert - schon gar nicht in der Schweiz.
Untaugliche Konzepte führten zu untauglichen Lehrmitteln und entsprechend untauglichen Ausbildungsgängen. Nach sieben Jahren Französischunterricht können sich gerade mal 10,8 Prozent der Schulabgänger auf Französisch verständigen: ein katastrophales Resultat. Es stammt aus der Schlussevaluation zum Fremdsprachenprojekt Passepartout. Das praktisch wirkungslose Frühfranzösisch frisst aber auch enorm viele Lektionen weg – genau so viele wie zwei volle Jahre Deutsch. Die Folgen dieser Fremdsprachenpolitik werden die Schule noch auf Jahre hinaus schädigen. Wer kann einen solch teuren und pädagogisch unhaltbaren Zustand noch länger verantworten? Bitte endlich handeln!
Urs Kalberer, Sekundarlehrer

Der Vernunft gehorchen – nur eine Fremdsprache in den Primarschulen!

Seit rund zehn Jahren lernen (oder so wird das zumindest angenommen) die Primarschülerinnen und Primarschüler von der 3.- 6. Primarstufe zwei Fremdsprachen, Englisch und Französisch. Natürlich ist Französisch eines der Landessprachen, Englisch eine Weltsprache. Die 10 Jahreslektionen, die für den Unterricht in Französisch zugeteilt sind, reichen einfach niemals aus, um wirklich Französisch lernen zu können. Das wird in einer Umfrage der «Starke Schule beider Basel», die kürzlich publiziert wurde, sehr deutlich gemacht. Es sollte jetzt der gesunde Menschverstand wieder einkehren. Die Bildungsdirektionen in den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt sollten den Mut haben und diese Jahreslektionen an andere Fächer wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu zuteilen. Wie sagen die Angelsachsen: «Read, Write, Math».
Paul Hofer, e. Landrat FDP

Kommentar zur Umfrage über den frühen Fremdsprachenunterricht

Die aussagekräftigen Resultate der Umfrage decken unmissverständlich auf, dass das Dreisprachenkonzept (D/F/E) für die Primarschule gescheitert ist. Mit seiner Verzettelung der Bildungsziele hat es zu einem chronischen Zeitmangel im Übungsbereich und zu mehr Hektik im Schulbetrieb geführt. Das Konzept setzt falsche Akzente bei den Bildungsinhalten, erfordert unverhältnismässig viel Zeit in der Lehrerbildung und hinterlässt überforderte Schülerinnen und Schüler. Die Ergebnisse der spannenden Umfrage sind eine Fundgrube für Politiker und Medienleute, die sich für das reale Schulgeschehen interessieren. Die Fremdsprachenfrage wird zweifellos wieder neu aufgerollt werden. Einmal mehr hat die Starke Schule beider Basel genau das Richtige getan.
Hanspeter Amstutz, Pens. Sekundarlehrer, Fehraltorf