Starke Schule beider Basel

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News

  • Freitag, April 19, 2019

    2 x Ja zu den LVB-Initiativen

    Am 19. Mai 2019 stimmt der Kanton Basel-Landschaft über zwei Bildungsinitiativen des Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) ab. Die Starke Schule befürwortet die beiden Anliegen, denn sie verhindern, dass die öffentlichen Schulen schlechter gestellt werden als andere Bildungsbereiche. Um qualitativ hochwertigen Unterricht anbieten zu können und weitere Sparmassnahmen zu unterbinden, ist es wichtig, dass die beiden Initiativen angenommen werden.

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  • Freitag, April 19, 2019

    Nein zu Leistungslöhnen

    Ab 2022 soll im Kanton Basel-Landschaft ein Leistungslohn eingeführt werden. Dieser soll die heutigen Lohnklassen ersetzen und die Erfahrungsstufen durch flexible Lohnanpassungen austauschen. Für die Starke Schule steht fest, dass eine an das MAG gebundene Lohnentwicklung nicht zielführend ist und im schulischen Betrieb keinen Sinn macht.

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Zu wahr um schön zu sein

    

Leserbrief

Treffende Leserbriefe zum Artikel
"Universitäts-Professoren sind tief besorgt; BaZ 26.03.2019"

Besser spät als nie

Die Basler Uni-Professoren melden sich zu Wort: Die Mängel beim Französisch seien so gross, dass die Studenten kaum mehr die Möglichkeit hätten, an frankophonen Unis zu studieren. In welchem Bistrot tranken diese Professoren ihren Pastis, als die Beschlüsse zur didaktischen Neuorientierung des Fremdsprachenunterrichts (Projekt Passepartout) gefasst wurden? Seit der Einführung von Passepartout und den entsprechenden Lehrmitteln hagelt es fundierte Kritik. Nun treten die Auswirkungen dieser fatalen Methode eben ans Tageslicht: Schüler erreichen die Minimalanforderungen nicht, Lehrer und Eltern sind seit Jahren frustriert. Die Mehrheit unter ihnen liess sich einlullen von den Versprechungen einer neuen Didaktik. Nur ist dies alles nicht neu und hätte eigentlich für die Spezialisten an der Universität vorhersehbar sein müssen.Damit man mich nicht falsch versteht: Die Alarmrufe aus der Uni sind ja willkommen – nur ist es völlig unverständlich, warum sie nicht schon viel früher gekommen sind. Die Ironie an der Sache: Mit dem Frühfranzösisch wollte man die französische Sprache in der Deutschschweiz besser verankern und fördern. Nun zeichnet sich ab, dass wir bald einen Mangel an Französischlehrer haben werden.

Urs Kalberer  

Vokabeln und Grammatik pauken

Französisch wird überschätzt? Das Gegenteil trifft zu, es wird unterschätzt. Viele Firmen in der Deutschschweiz, darunter auch jenes Unternehmen, in dem ich jahrelang tätig war, haben Kun­ den in der Romandie. Für mich war dies die Chance, meine vernachlässigten Französischkenntnisse aufzufrischen. Auch wenn es anfangs holprig lief, schätzten es «les Welsch» überaus, dass ich mir die Mühe nahm, mit ihnen mündlich und schriftlich in ihrer Spra­che zu kommunizieren. Dass dies überhaupt möglich war, verdankte ich der «traditionellen» Unterrichtsmethode, sprich: Vokabeln und Grammatik pauken bis zum Umfallen, immer wieder Prüfungen, bei denen alles Unkorrekte die Note gnadenlos nach unten drückte. Auch wenn ich manchmal fluchte, gefruchtet hats allemal. Hingegen wage ich sehr zu bezweifeln, dass der heutige Wischiwa­schi­-Kuschelunterricht à la Mille feuil­les ein vergleichbares Resultat ermög­licht. Und es ist meines Erachtens blanker Zynismus, wenn man diese un­tauglichen Experimente jetzt mit dem Schwamm­-drüber­-Argument klein­-redet, Französisch sei heute ja eh nicht mehr wichtig.

Günther Scholer, Aarau Rohr

 

Auf bewährte Lehrmittel setzen

In Basel-Stadt wurde die Einführung des Frühfranzösisch mit einem neuen Lehrmittel verbunden, welches von einem «Sprachbad» ausgeht und glaubt, auf die Grammatik weitgehend verzichten zu können. Nun ist das Erlernen einer Fremdsprache keine neue Aufgabe, man hat langjährige, breit abgestützte Erfahrungswerte. Wenn nun Sprachwissenschaftler erschreckt feststellen, dass mit den neuen Lehrmitteln markant schlechtere Resultate erzielt werden, wird es Zeit für einen Übungsabbruch. Es ist nicht zu verantworten, dass weitere Generationen von Schülern «verheizt» werden. Deshalb gilt es, resultatorientiert auf ältere, aber bewährte Lehrmittel zurückzugreifen.

Paul Kreienbühl, Riehen


 

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Lehrmittelfreiheit – ein Schritt in die richtige Richtung

Die Bildungsdirektion beabsichtigt die unformulierte Initiative „Ausstieg aus dem gescheiterten Passepartout-Fremdsprachenkonzept“ nicht vollständig umzusetzen. Gesondert für jedes Fach und für beide Schulstufen (Primar und Sek. 1) soll eine Lehrmittelliste mit mindestens zwei Lehrmitteln geführt werden. Jede einzelne Lehrperson soll aus dieser Liste ein Lehrmittel auswählen, das sie im Unterricht als Leitlehrmittel einsetzen möchte. Diese „beschränkte“ Lehrmittelfreiheit ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn nicht jede Klasse spricht auf das gleiche Lehrmittel gleich gut an und nicht jede Lehrperson kann mit dem gleichen Lehrmittel gleich gut arbeiten.

Nachteil der Lehrmittelliste ist, dass die unsäglichen Passepartout-Lehrmittel „Mille feuilles“, „Clin d’oeil“ und „New World“ weiterhin eingesetzt werden können, wenn der Bildungsrat diese in die Lehrmittelliste aufnimmt. Und dass er dies als Befürworter der Passepartout-Ideologie tut, gilt als sicher. Gleichwohl befürwortet die Starke Schule diese Variante unter der Voraussetzung, dass die Lehrmittelliste in den Fremdsprachen mehrere international anerkannte Lehrmittel enthält, die aufbauend strukturiert sind und das pädagogische Grundprinzip „von einfach zu schwierig“ erfüllen. Solche Lehrmittel legen Wert auf einen stetigen Aufbau eines alltagtauglichen Grundwortschatzes und haben zum Ziel, dass die Schüler/-innen von Beginn an die Fremdsprache anwenden. Im Sinne eines Kompromisses akzeptiert die Starke Schule die temporäre Aufnahme der Passepartout-Lehrmittel in die Lehrmittelliste.

Erfreulich ist die kürzlich verschickte Medienmitteilung des Bildungsrates, insbesondere sein „ausdrückliches Anliegen, jeder Lehrperson in möglichst allen Fächern und Schulstufen ein methodisch und didaktisch vielfältiges Angebot an Lehrmitteln zur Auswahl zu stellen“. Damit weicht der Bildungsrat von seiner bisherigen Position ab: Wird dies tatsächlich umgesetzt, könnten die Lehrpersonen andere, von der Passepartout-Ideologie abweichende Lehrmittel in ihrem Unterricht einsetzen und damit die unbrauchbaren Passepartout-Lehrmittel ersetzen. Bisher waren alle anderen Schulbücher verboten.

Weil der Bildungsrat die Lehrmittelliste beschliesst, könnte er nur Lehrmittel zulassen, welche der Passepartout-Ideologie folgen oder mit dieser kompatibel sind. Um notfalls auf Gesetzesstufe eingreifen zu können, hat die Starke Schule Ende September die formulierte Initiative „Passepartout-Lehrmittel Mille feuilles, Clin d’oeil und New World durch gute Schulbücher ersetzen“ lanciert.

Zurzeit wird intensiv an der Evaluation von neunen Lehrmitteln gearbeitet. Mehrere international anerkannte und geeignete Lehrmittel konnten für beide Schulstufen (Primar und Sek. 1) gefunden werden. Mit ihnen könnten die heftig kritisierten Passepartout-Lehrmittel sofort ersetzt werden. Eine Auswahl von Lehrmitteln finden Sie auf der Website www.starke-schule-beider-basel.ch.

Regina Werthmüller, Landrätin und Vorstandsmitglied Starke Schule
 

Französisch und Englisch: Gute Lehrmittel wären sofort verfügbar

Auf dem Lehrmittelmarkt wären für die beiden Schulstufen Primar und Sekundar ausgezeichnete und international anerkannte Lehrmittel für Französisch und Englisch erhältlich, mit denen die untauglichen Passepartout-Lehrmittel «Mille feuilles», «Clin d‘oeil» und «New World» sofort ersetzt werden könnten. Der renommierte Verlag Macmillan gibt im Dezember sogar ein speziell für die Schweiz angepasstes Englisch-Lehrmittel heraus.

Die folgenden vom LVB eruierten Lehrmittel sind aufbauend und klar strukturiert. Sie beinhalten einen alltagsgebräuchlichen Wortschatz und machen einen motivierenden Unterricht möglich, der nach dem pädagogischen Grundsatz funktioniert, die Schüler/-innen von einfachen hin zu schwierigen Anforderungen zu führen. Es handelt sich alles um bewährte Lehrmittel, die teilweise in mehreren anderen Kantonen bereits eingesetzt werden.

Die Angaben zu den Klassenstufen basieren auf der alten Zählweise (d.h. ohne Kindergarten).

Französisch

 

Englisch

[Lehrmitteltabelle: aufgelistet durch den LVB Baselland]
 

Die insbesondere von Passepartout-Promotoren bis noch vor kurzem immer wieder geäusserte Behauptung, es gäbe für die Primarschule gar keine alternativen Lehrmittel für Französisch und Englisch, erweist sich schlichtweg als falsch, wie die obige Liste eindrücklich zeigt.

Die Passepartout-Lehrmittel sind nicht nur unbrauchbar, wie die Untersuchungen der Universität Zürich gezeigt hat (siehe Artikel "Mit Mille feuilles erreichen viele Schüler/-innen die Lernziele nicht" weiter unten); sie sind auch extrem teuer. Es handelt sich um Einwegbücher, die jeweils nur von einem Schulkind verwendet werden können. Für jede Klasse muss der Kanton in jedem Schuljahr neue Bücher einkaufen. Werden «Mille feuilles», «Clin d‘oeil» und «New World» ersetzt, so profitieren die Schüler/-innen von besseren Lehrmitteln und der Kanton kann jährlich erhebliche finanzielle Mittel einsparen, wenn er auf ein Lehrmittel wechselt, welches wieder verwendet werden kann.

Weshalb halten die Passepartout- Funktionäre bis heute an den unsäglichen Lehrmitteln «Mille feuilles», «Clin d‘oeil» und «New World» fest?

Während Jahren haben sie den Primarlehrperson das «Blaue vom Himmel» versprochen: Die neue Passepartout-Unterrichtsideologie würde dazu führen, dass die Schüler/-innen am Ende der Primarschule (abgesehen von grammatikalischen Fehlern) fliessend Französisch reden könnten. Die neue Ideologie sei modern und würde zu einer signifikanten Verbesserung der sprachlichen Leistungen der Schüler/-innen führen. Mit solchen Versprechen köderten sie die Primarlehrpersonen und verpflichteten sie zu wochenlangen, intensiven und sehr teuren Weiterbildungen. Ihnen nun einzugestehen, dass diese neue Ideologie ein Flop ist und die meisten Schüler/-innen am Ende der Primarschulzeit praktisch keinen Satz reden können, würde zu einem enormen Gesichtsverlust führen.
 
 

Passepartout-Alchemie:

Lehrmittel im Spiegel der Spracherwerbsforschung

 
1. Wissenschaft und Spekulation

Die Alchemisten der Zeit vor dem 19. Jahrhundert behaupteten, sie könnten aus unedlen Metallen mit Hilfe des Steines der Weisen Silber und Gold herstellen. Tatsächlich beschäftigten sie sich intensiv mit allen möglichen Grundstoffen in der Natur und legten damit einen Vorrat an Wissen an, das die streng wissenschaftliche Chemie später von reinen Spekulationen und Betrug unterscheiden konnte. Die Alchemisten hielten ihre Erkenntnisse geheim, nur ihre Schüler, die Adepten, weihten sie ein.

Der Vergleich mit der Fremdsprachendidaktik unserer Tage scheint etwas weit hergeholt. Dennoch gibt es Parallelen. Seit etwa 50 Jahren kämpft die Fremdsprachendidaktik darum, als Wissenschaft ernst genommen zu werden. Sie tut dies, indem sie zu ergründen sucht, wie Menschen eine Zweitsprache, bzw. nach erworbener Mutter- oder Erstsprache eine oder mehrere weitere Sprachen lernen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen dann im Unterricht genutzt werden können.

Allerdings befindet sich die Disziplin bildlich gesprochen immer noch in einer Übergangsphase zwischen Alchemie und Chemie. Die Forscher versuchen, nach wissenschaftlichen Kriterien vorgehend, Teilfragen, zu denen sie Hypothesen formuliert haben, in Studien zu überprüfen. Dabei zeigt sich, dass die meisten Hypothesen, kaum sind sie formuliert, auf Grund weiterer Studien wieder relativiert, verfeinert, teilweise oder sogar ganz widerlegt werden. Gewisse Forschungsrichtungen sind schon im Ansatz unvereinbar. Von einer gültigen Theorie des Spracherwerbs ist man nach wie vor weit entfernt.[1]

Während die Forscher unter den Didaktikern davor warnen, ihre Hypothesen zu Teilfragen in allgemeingültige Unterrichtsprinzipien umzumünzen[2], bedienen sich ihre Kollegen, die Alchemisten-Didaktiker, ihrer Hypothesen, um in Ausbildungsstätten, Handbüchern und Lehrmitteln Unterrichtskonzepte zu schmieden mit dem Anspruch, den oft unbefriedigenden bisherigen Unterricht zu verbessern. Sie mixen die Elemente zu einem Elixier, das den Spracherwerb wie Nektar und Ambrosia an die Lernenden verabreichen solle. Ihre Anhänger übernehmen diese Lehre wie wahre Adepten und verteidigen sie auch dann noch, wenn das Erz, anstatt sich in der magischen Retorte in Gold zu verwandeln, einfach nur Rost ansetzt.  

Das heisst nun umgekehrt nicht, dass die Forscher nichts beizutragen hätten und dass die Studien nicht zu Erkenntnissen führten. In den letzten Jahrzehnten wurde das Spektrum an Unterrichtsideen dank der Forschungsarbeit erfreulich ausgeweitet. Es zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass der Zweitsprachenerwerb eine ungeheuer komplexe und vielschichtige Angelegenheit ist, die von vielen sprachlichen, psychologischen, sozialen und kulturellen Faktoren abhängt, so dass man ihm mit einseitigen Konzepten nicht beikommen kann. Das eigene Sprachenlernen und die Unterrichtserfahrung bilden eine sichere Messlatte, an die solche Konzepte der «Experten» und Handbücher stets angelegt werden sollten. An Untauglichem sollte man nicht festhalten, nur weil «Experten» einem dies nahelegen.[3]

Die Experten tendieren dazu, die Theorien des Spracherwerbs in eine zeitliche Abfolge zu bringen. Sie stellen diese so dar, als ob ein kontinuierliches Fortschreiten die früheren Erkenntnisse jeweils ablösen würde: Übersetzungsmethode, Strukturalismus/Behaviourismus, kommunikative Wende, kognitive Wende, soziale Wende, Viel- oder Mehrsprachigkeitstheorie wären Stichworte in einer solchen Abfolge. Dass jedoch auch die früheren didaktischen Konzepte wertvolle und nach wie vor gültige Erkenntnisse gezeitigt und Unterrichtsmethoden beigesteuert haben, gerät bei den Passepartout-Experten unter die Räder. Nicht so in der Forschung, deren frühere Hypothesen immer wieder beigezogen werden. Tatsächlich ergibt sich durch die genannten Ansätze eine kumulative Bereicherung des Wissens über Spracherwerb. Ein Abwerten oder Negieren früherer Erkenntnisse zugunsten einer modischen Neu-Hypothese bedeutet hingegen Verzicht und Verarmung.



[1] “Ideally, I would like to conclude this book with a general theory of L2 acquisition but— as will have become clear— this is not possible given the diversity of the theoretical positions on offer and their fundamental epistemological differences.” (Ellis (2015), Pos.6821-6823)                                                  “We are currently in a situation where there is a plethora of SLA theories offering different— and often conflicting— accounts of L2 acquisition.” (Ellis (2015) Pos. 7131-7132)

[2] “In general, however, SLA researchers have been wary of prescribing or proscribing how to teach, preferring instead to exercise caution about applying SLA findings.” (Ellis (2015), Pos. 7122-7123) “Exactly how SLA can best inform language pedagogy remains uncertain” (Ellis (2015) Pos.6816-6817)

[3] "Wissenschaftliche Theorien leisten gegenwärtig für die Aufklärung und Optimierung der Phänomene, Prozesse und Produkte des Fremdsprachenerwerbs weniger als manche ihrer Verfechter glauben und viele ihre Benutzer hoffen." (Weinert, Franz E. (1995). Das Verhältnis von metakognitiver Kompetenz und kognitiven Automatismen beim Zweitspracherwerb. In Swantje Ehlers (Hg.). (1995). Lerntheorie - Tätigkeitstheorie - Fremdsprachenunterricht (S. 103-117). München.)

 

Passepartout wird weiter schöngeredet

Eine Portion Unbelehrbarkeit gehört dazu, wenn Regina Jäkel Pacchiarini und Lukas Flüeler die frustrierenden Erfahrungen mit «Passepartout»-Lehrmitteln noch immer schönreden. Bei Betroffenen dürfte das einiges Kopfschütteln auslösen. Zur Zahlenakrobatik mit Befragungsresultaten, die Jäkel und Flüeler jetzt beanstanden, tragen sie mit eigenen Befragungen auch kräftig bei.

Vermessen ist, wenn sie ihre erst kurze Unterrichtspraxis höher werten als die langjährige Erfahrung von Sekundar- und Gymnasiallehrpersonen mit Sprachstudium und spezifischer didaktischer Ausbildung. Geradezu unverfroren ist der Vorwurf der «Pseudowissenschaftlichkeit» gegnerischer Argumente, wenn sie selbst Lehrmittel verteidigen, die auf dem Hokuspokus von umstrittenen Hypothesen und unhaltbaren Fehldeutungen der Hirnforschung beruhen.

Sollten sie echtes Interesse am «Wohl ihrer Schüler und Schülerinnen» haben und von der ideologischen Rechthaberei wegkommen wollen, darf man ihnen die Lektüre des Grundlagenwerks «Understanding Second Language Acquisition» von Rod Ellis (2015) empfehlen, der sachlich-neutral Theorie und Forschung analysiert.

Felix Schmutz, Allschwil

 

Passepartout – der grosse Gesichtsverlust

Die vollmundigen Versprechungen der Passepartout-Ideologen haben sich längst als leere Phrasen herausgestellt. Und doch versuchen eigennützige Akteure das gescheiterte Fremdsprachenkonzept zu retten. Dabei ist ihnen der Lernerfolg der Schülerschaft augenscheinlich gleichgültig.

Die Primarschulleitungen pochen auf Passepartout, denn sie verlangten von ihrer Belegschaft den Besuch der wenig sinnvollen aber umso aufwändigeren «Weiterbildung». „Sorry, das Ganze war ein Irrtum“ wäre nun die ehrliche Botschaft. Die kommt ihnen aber nicht über die Lippen, denn sie sehen sich trotz Teilautonomie nicht in der Verantwortung, obwohl auch sie dem Irrtum aufsassen. Der eigene Gesichtsverlust ist ihnen das grössere Übel als Zehntausenden von Primarschülern auch weiterhin den Fremdsprachenunterricht mit Passepartout zu verwehren. In der Folge lassen sich die verlorenen vier Jahre Französisch kaum mehr aufholen auf der Sekundarstufe: Wo kein Fundament, kein Aufbau. In dieser Situation gibt es drei Möglichkeiten: 1. Auch die Sekundarlehrkräfte halten sich an die Passepartout-Ideologie, die für die Lernenden nachteiligste Variante. 2. Sie fangen nochmals von vorne an. 3. Sie versuchen vergeblich, um die Lücken herum zu bauen. In jedem Fall delegieren sie das Problem an die weiterführenden Schulen. So wird der Schaden mit jedem zusätzlichen Schuljahr grösser. In Englisch minimiert sich die Problematik immerhin auf zwei Jahre. Die Fatalität bleibt die gleiche.

Die allermeisten Bildungsräte verfügen über keinerlei Unterrichtserfahrung. Sie bestimmen also nicht um pragmatischer Lösungen willen, sondern kraft ihres Amtes. Dabei spielt es oft keine Rolle, was sie bestimmen, Hauptsache, sie bestimmen. Ganz schwierig fällt es diesen Bildungsräten, von der Expertise des Lehrkörpers zu profitieren, zuweilen handeln sie dieser regelrecht zuwider. Die Fähigkeit, sich von Praktikern etwas sagen zu lassen, widerspricht offenkundig einem Funktionsverständnis zur Beförderung des eigenen Egos. Die Konsequenz ist u.a. das bildungsrätliche Durchwinken der vermutlich absurdesten Lehrmittel der Schweizerischen Schulgeschichte. Auch hier wäre es ein Gesichtsverlust, sich klar und deutlich gegen die Passepartout-Schulbücher auszusprechen. Man hat sie ja beschlossen.

Was das AVS und die Bildungsdirektion betrifft, stammt ein grosser Teil des Personals aus der Zeit des abgewählten SP-Bildungsdirektors, Urs Wüthrich. Dieser führte Passepartout im Kanton Baselland ein und ist damit an erster Stelle verantwortlich für das Desaster. Seine Belegschaft scheint nun Wüthrichs Agenda weiterzuverfolgen und verteidigt sein Konzept auf Biegen und Brechen. Insbesondere bei der Ausformulierung der vom Landrat gutgeheissenen Initiative der Starken Schule beider Basel gegen Passepartout wird mittels einer vorgetäuschten Lehrmittelfreiheit versucht, das Fehlkonstrukt doch noch über die Runden zu retten. Hier geht es nicht um Gesichtsverlust, denn jene Leute outen sich ja nicht. Ihnen geht es um reines parteipolitisches Machtgeplänkel, nicht zuletzt um gegen ihre neue Chefin in der Bildungsdirektion zu agieren, zumal diese ausgerechnet der FDP angehört, der politischen Antithese zur SP.

Die Sozialdemokraten halten in ihrem Selbstverständnis als progressive Kraft grundsätzlich jede Neuerung in der Bildungspolitik für gut, selbst wenn sie der öffentlichen Schule schadet. So befürworteten sie die Basler Orientierungsschule, die wegen Untauglichkeit bald wieder ihre Tore schloss. Die Abschaffung der spezialisierten Sonderschulen und Kleinklassen propagierten sie im Namen der Chancengleichheit und Integration, welche die Lehrkräfte nicht nur in Basel vor unlösbare Probleme stellt. Sie sprachen sich aus für die gescheiterten Sammelfächer und das sozialdarwinistische Konzept des selbstorganisierten Lernens. Sie forderten die Einführung der abgelehnten Basisstufe usw. Natürlich stimmten sie auch reflexartig ein in den Lobgesang auf Passepartout, weswegen ein Abrücken nun auch für die SP einem Gesichtsverlust gleichkäme. Folglich sind auch viele Sozialdemokraten bereit, die Schülerschaft aus Eigennutz zu opfern.

Und wo steht in all dem politischen Gezerre die Bildungsdirektorin? Sie täte gut daran, ohne Rücksicht auf Gesichtswahrung der hier beteiligten Akteure sich klar gegen Passepartout zu positionieren. Zehntausende verärgerter Eltern und Tausende von Lehrpersonen aller Schulstufen würden es ihr anlässlich der nächsten Wahlen danken. Denn letztere sind nicht besorgt um den Bildungsrat, die BKSD oder die Primarschulleitungen. Sie sorgen sich um den Fremdsprachenerwerb ihres Nachwuchses.

Gastbeitrag von Felix Hoffmann (Sekundarlehrer in Aesch), erschienen am 01.10.2018 in der BaZ
 

Der Trick mit der angeblichen Lehrmittelfreiheit

Im März 2016 hat die Starke Schule die Initiative „Stopp dem Verheizen von Schüler/-innen: Ausstieg aus dem gescheiterten Passepartout-Fremdsprachenprojekt“ mit 2‘024 Unterschriften eingereicht. Im Februar dieses Jahres stimmte der Landrat mit 47 zu 36 Stimmen der unformulierten Initiative überraschend deutlich zu und beauftragte damit die Bildungsdirektion, eine entsprechende Gesetzesvorlage auszuarbeiten.

Bildungsdirektion will Kernanliegen nicht umsetzen

Ärgerlich ist nun, dass die Bildungsdirektion (BKSD) das Kernanliegen dieser unformulierten Initiative nicht umsetzen will – möglicherweise ist der Druck des Bildungsrates zu gross. Die zu erarbeitende Gesetzesvorlage soll so ausgestaltet werden, dass weiterhin mit den Passepartout-Lehrmitteln gearbeitet wird. Im Unterschied zu einer formulierten Initiative, bei welcher der exakte Gesetzesparagraph vorgegeben ist, hat die Regierung bei einer unformulierten Initiative einen gewissen Spielraum bei der Erarbeitung der Gesetzesvorlage. Allerdings ist es aus rechtsstaatlichen Gründen und einem demokratischen Grundverständnis mehr als fragwürdig, wenn die Regierung diesen Spielraum derart ausreizt, dass die Kernanliegen der eingereichten Initiative in keiner Weise mehr umgesetzt werden.

Die angebliche Lehrmittelfreiheit – ein fauler Trick

Geht es nach dem Willen der BKSD, soll es für jedes Fach eine Lehrmittelliste geben mit mehreren Lehrmitteln, d.h. mindestens zwei. Aus dieser Liste müssen die Lehrpersonen dann ein Buch auswählen, welches sie im Unterricht als Leitlehrmittel einsetzen. Diese Wahlmöglichkeit tönt zwar gut, ist aber ein „fauler“ Trick.

Bereits heute ist bekannt, dass die Passepartout-Lehrmittel Mille feuilles, Clin d’oeil und New World in diese Lehrmittelliste aufgenommen werden sollen. Verantwortlich dafür ist der Bildungsrat. Welche Lehrmittel zusätzlich in die Lehrmittelliste aufgenommen werden, beschliesst ebenfalls der Bildungsrat, der ein klarer Bekenner der Passepartout-Ideologie ist. Das heisst: Er kann damit verhindern, dass international anerkannte Lehrmittel in die Lehrmittelliste aufgenommen werden. Solche bei Fachexperten anerkannten Lehrmittel sind aufbauend strukturiert und folgen dem pädagogischen Grundsatz, die Schüler/-innen von einfachen zu schwierigen Anforderungen zu führen. Sie setzen die Schwerpunkte auf Wortschatzaufbau, Lese- und Hörverständnis, Sprechen, Schreiben und Sprachstruktur. Damit stehen sie im krassen Gegensatz zu den unsäglichen Passepartout-Lehrmitteln, welche der Bildungsrat um jeden Preis halten will.

Das Blaue vom Himmel versprochen

Die Primarschulleitungen haben ihren Lehrer/-innen während Jahren das Blaue vom Himmel versprochen: Die neue Passepartout-Unterrichtsmethode würde dazu führen, dass die Primarschüler/-innen am Ende der Primarschulzeit (abgesehen von einigen grammatikalischen Fehlern) fliessend Französisch reden könnten und so rechtfertigten sie die langen und aufwändigen Weiterbildungskurse ihrer Lehrer/-innen. Die Realität sieht ganz anders aus: Nach der Primarschulzeit können die Schulkinder praktisch keinen einzigen Satz reden. Das millionenteure Passepartout-Konzept ist gescheitert. Die Leidtragenden sind die Schüler/-innen.
 

Wunsch und Wirklichkeit

In ihrem Gastbeitrag im lvb:inform 2018/19-01 verteidigen Regina Jäkel Pacchiarini und Lukas Flüeler das Fremdsprachenkonzept Passepartout. Der Text ist Ausdruck der Angst und zeugt von grundlegenden Denkfehlern.

 

Bei der Lektüre der Verteidigungsschrift fällt zunächst auf, dass sie Wort für Wort der von den beiden Autoren am 13. Juni 2018 eingereichten Petition z.Hd. des Landrats entspricht. Dieses Copy-and-paste Verfahren erweckt nicht den Eindruck von Einsatzbereitschaft in eigener Sache, sondern vielmehr von Bequemlichkeit und dem Mangel an Argumenten. Bezeichnenderweise unterzeichneten jene Petition denn auch nur 40 von mehreren Tausend Primarlehrpersonen. Der Notstand an Argumenten pro Passepartout zeigt sich denn auch darin, dass sich in besagtem Gastbeitrag kein einziges Argument finden lässt zur Verteidigung der Mehrsprachigkeitsdidaktik als ideologische Grundlage von Passepartout. Der Grund hierfür: Es gibt solche Argumente nicht. Die Verlautbarungen der Mehrsprachigkeitsideologen entpuppten sich mittlerweile allesamt als leere Versprechungen.

Eine Autobahnbrücke aus Eierkartons

Ihren Wunsch nach Fortführung von Passepartout begründen Jäkel Pacchiarini und Flüeler u.a. mit dem bisher auf der Primarstufe geleisteten Vorbereitungsaufwand. Zur Veranschaulichung des hier vorliegenden Denkfehlers diene auf dem Hintergrund der bereits vielfach aufgezeigten Absurdität dieses Fremdsprachenkonzepts ein Vergleich: Man nehme als ersten Schritt ein Projekt zum Bau einer Autobahnbrücke aus Eierkartons (Passepartout). Im zweiten Schritt erfolgt als Vorbereitung das Verkleben einzelner Kartons zu Bauelementen (Weiterbildungen, Druck von Passepartout Lehrwerken usw.). Wenn auch spät (nach sechs Jahren) wird der Unsinn dieses Projekts von den Auftraggebern (Bildungsdirektoren) doch noch erkannt, bevor die Brücke als dritter Schritt gebaut wird (definitive Einführung von Passepartout). Nun allerdings begründen der Projektleiter (Reto Furter) und die wenigen übrig gebliebenen Anhänger der Brücke (Jäkel Pacchiarini und Flüeler) den Unsinn des dritten Schrittes, also der Bau der Brücke, mit dem Unsinn des bereits erfolgten zweiten Schrittes, der Vorbereitung des Brückenbaus. Dies nach dem Motto: Nun haben wir die Eierkartons zusammengeklebt, folglich müssen wir jetzt die Brücke bauen. Doch abgesehen davon, dass der Schaden fortlaufend grösser würde, lässt sich Unsinn nicht mit Unsinn begründen. Im Falle von Passepartout ist und bleibt er, was er ist: Unsinn.
 

Kuriositäten und unwissenschaftliche Datenerhebung

Apropos Unsinn gilt es die von den Autoren erwähnte Umfrage auf der Primarstufe genauer unter die Lupe zu nehmen. Dort werden politische Entscheidungen vorweggenommen, die noch gar nicht gefällt wurden. Ferner ist die Rede vom zu verhindernden Ausstieg unseres Kantons aus Passepartout, obwohl die diesbezüglichen Verträge im Juni 2018 ohnehin endeten. Zu guter Letzt werden Passepartout und Harmos vermischt, obwohl beide nichts miteinander zu tun haben.

Die Datenerhebung seitens der AKK ist bekanntermassen unwissenschaftlich und wenig seriös. Da werden Fragebögen in Lehrerzimmern oder Aulen aufgelegt, auf denen jeder, so oft er will, seine Kreuzchen setzen kann, ohne dass dies kontrolliert würde. Es werden in Kollegien unter Ausnutzung des Gruppenzwangs sowie vorgängig propagierter Meinung der Schulleitung und unter deren Aufsicht offene Abstimmungen abgehalten. Oder es werden Fragen gestellt, die keine objektivierbare Auswertung zulassen, wodurch nach Belieben interpretiert werden kann. So gesehen ist es nicht erstaunlich, dass das von Jäkel Pacchiarini und Flüeler aus ihrer Umfrage zitierte Zahlenmaterial in völligem Widerspruch steht, zum Ergebnis der ebenfalls durch die AKK durchgeführte Umfrage zu den Lehrmitteln. Dort erfahren wir, dass gerade einmal 28% der teilnehmenden Primarlehrpersonen „Mille feuilles“ als „gut geeignetes“ Lehrmittel bewerten. Auf der Stufe der Sek I sagten dies nur 20% über „New World“ und miserable 16% über „Clin d'oeil“. Diese Zahlen sind der AKK bezeichnenderweise wenig genehm, da sie nicht der Durchsetzung eigener Interessen dienen. Jedenfalls aber decken sie sich mit dem bereits im Mai diesen Jahres erschienen amtlichen „Ergebnisbericht: Fachhearings Französisch (2017)“. Dessen Resultate könnten deutlicher nicht sein: www.baselland.ch/politik-und-behorden/regierungsrat/dossiers/passepartout. Wir erfahren dort, warum die Primarschüler im vorgegebenen Rahmen nur wenig im Fremdsprachenunterricht lernen, zumal die Analyse auf den Englischunterricht übertragbar ist, da auch hier die Mehrsprachigkeitsideologie à la Passepartout ihr Unwesen treibt. Damit werden auch die Ursachen offengelegt, weswegen die überaus grosse Mehrzahl der Fremdsprachenlehrkräfte Passepartout ablehnt.
 

Mit Sachlichkeit zurück zur Definitionshoheit über funktionierenden Unterricht

Dem Gastbeitrag lässt sich ein nachvollziehbares Unbehagen entnehmen gegenüber dem der Primarstufe von der Politik aufoktroyierten Mehraufwand infolge unbedarfter Reformen, zu denen die Lehrkräfte nichts zu sagen hatten. Doch die Entmündigung der Lehrkräfte ist nicht nur ein Problem der Primarstufe, sie stellt sich im Lehrberuf ganz allgemein, weswegen er auch zunehmend an Attraktivität verliert. Vor allem aber lässt sich die Definitionshoheit darüber, was im Unterricht funktioniert, nicht restaurieren mit Positionen, die den Lernenden schaden sowie dem gesunden Menschenverstand, der Unterrichtserfahrung und vorliegenden Evaluationsberichten widersprechen. Ansonsten entsteht unweigerlich der Eindruck, dass es den Autoren nicht um die Sache geht, sondern um eigene Interessen, nach der Devise: Wir wollen unseren Kopf durchsetzen, koste es, was es wolle.
 

Passepartout als Verlegenheitslösung

In eine regelrecht lernfeindliche Richtung gehen die Verfasser, wenn sie Wortschatzaufbau, die Vermittlung sprachlicher Strukturen und die für einen aufbauenden Unterricht notwendigen Schnittstellen zwischen Primar- und Sekundarstufe generell verhindern wollen. Hierbei handelt es sich u.a. um ein systemimmanentes Problem. Sekundarlehrkräfte absolvieren ein mehrjähriges Sprachstudium und einen mehrmonatigen Fremdsprachenaufenthalt. Eine nachträgliche, vergleichbare Ausbildung für Primarlehrpersonen ist schlicht nicht zu finanzieren. Hierfür wird in unserem Kanton seit rund 15 Jahren zu viel Geld verschleudert für unbedarfte Schulreformen. In der Folge wurde die Mehrsprachigkeitsdidaktik hervorgezaubert mit den Passepartout Schulbüchern, welche die Lehrkräfte von Korrekturen und von der Vermittlung von Grammatik und Wortschatz entbinden. Schliesslich musste die Verlagerung eines Teils des Fremdsprachenunterrichts von der Sek- auf die Primarstufe im Rahmen der kostensparenden Umstellung von 5/4 auf 6/3 irgendwie bewerkstelligt werden.
 

Gegen die Interessen der Schüler- und Lehrerschaft

Zusammenfassend orientiert sich die Haltung von Jäkel Pacchiarini und Flüeler weder an den Bedürfnissen der Primarschülerschaft noch an den Notwendigkeiten für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht auf dieser Stufe. Als Vorstandsmitglieder der AKK bzw. Delegierte der Primarstufe vertreten sie zumindest in dieser Sache aber auch nicht ihre Basis. Diese wird seitens der Eltern unter massiven Druck geraten, wenn erst einmal die angestrebte Lehrmittelfreiheit beschlossen wurde. Damit wird dem Einsatz vernünftiger und bewährter Lehrmittel nichts mehr im Wege stehen. Die Elternschaft wird dann kein Verständnis mehr dafür haben, wenn Lehrkräfte weiterhin mit Passepartout Schulbüchern dem Fremdsprachenerwerb ihrer Kinder im Wege stehen. Spätestens dann wird sich die Primarstufe überlegen müssen, ob sie von den richtigen Leuten vertreten wird.
 

Bewährte Unterrichtsmaterialien, weil wir es uns wert sind

Primarlehrkräfte verrichten tagtäglich gute Arbeit. Ihre Schülerschaft und sie selbst haben es verdient, im Bereich der Fremdsprachen mit seriösen Lehrwerken zu arbeiten. Den wenigen Lehrpersonen, die jetzt noch Passepartout anhängen, werden positiv überrascht sein, wenn sie erstmals bewährte Schulbücher an die Hand bekommen. Spätestens dann werden auch sie diesem Konzept den Rücken kehren und erkennen, dass Passepartout von Anfang an nichts anderes war als ein teurer, aufwändiger und unsinniger Irrtum.

Felix Hoffmann, Sekundarlehrer
 

 

Ja zum Ausstieg aus Passepartout

Ein Gastbeitrag von Felix Hoffmann, Sekundarlehrer

Passepartout basiert auf der sogenannten Mehrsprachigkeitsdidaktik. Diese ist undurchdacht, ideologisch, im internationalen Vergleich absonderlich und folglich in der Praxis nicht umsetzbar.

13 Irrtümer

  1. Das Sprachbad ersetzt mühevolles Lernen.
    Ein Aufenthalt in einem fremdsprachigen Land entspricht einem Sprachbad. Mit wöchentlich zwei bis drei Lektionen pro Fremdsprache jedoch halten die Lernenden bestenfalls den grossen Zeh ins Wasser. Durch die neue Verteilung des Französisch-Unterrichts während der obligatorischen Schulzeit auf insgesamt 7 Schuljahre ohne Erhöhung der Gesamtstundenzahl ist man von einem Sprachbad weiter entfernt denn je.
  2. Fehlerkorrekturen sind unnötig und demotivieren die Lernenden.
    Werden Fehler über längere Zeit wiederholt, ohne korrigiert zu werden, prägen sie sich im Gedächtnis ein. Es bedarf sodann eines enormen Aufwands, sie wieder wegzubringen. Dieser geht zulasten der Weiterentwicklung der Sprachfertigkeiten. Überdies kommen zielgerichtete Korrekturen dem Wunsch der Lernenden entgegen, «es richtig machen zu wollen».
  3. Altersgerechte Themenwahl ist unwichtig.
    Beim Erlernen einer Fremdsprache brauchen Schülerinnen und Schüler altersgerechte Themen, um den Lernstoff und die eigene Erlebniswelt miteinander verknüpfen zu können. Fehlt diese Verknüpfung, bleibt der Stoff abstrakt und kann kaum verinnerlicht werden. Färbemethoden, Nahrungsmitteltechnologie, surreale Kunst usw. – Themen der Passepartout-Lehrwerke – sind definitiv nicht Teil der Erlebniswelt von Kindern.
  4. Systematischer Wortschatzaufbau ist unnötig.
    Der Wortschatz ist die Grundlage der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksfähigkeit. Nach etwa 350 Lektionen Französisch mit «Mille feuilles» beherrschen die Lernenden nicht einmal die wichtigsten 300 Wörter des Grundwortschatzes, wie selbst die Projektleitung eingestehen musste. Dies entspricht einem «Lernfortschritt» von weniger als einem Wort pro Lektion. Die vorhandenen Begriffe werden zudem meist falsch geschrieben, wobei die falsche Schreibweise aufgrund ausbleibender Korrekturen regelrecht eingeschliffen wurde.
  5. Altersgerechter Wortschatzaufbau entspricht nicht dem natürlichen Spracherwerb.
    Eltern betreiben mit ihren Sprösslingen permanent intensives Wortschatztraining. Sie gehen bei der Vermittlung der Muttersprache instinktiv richtig vor, indem sie ihren Kindern wiederholt altersgerechte Wörter vorsprechen, bis diese verinnerlicht sind. Anfangs sind dies z.B. Mami, Papi, Hunger usw., aber bestimmt nicht Teilchenbeschleuniger oder Durchlauferhitzer.
  6. Erklärungen zur Grammatik entsprechen nicht dem natürlichen Spracherwerb.
    Hier wird irrtümlicherweise der natürliche mit dem schulischen Spracherwerb gleichgesetzt. Ohnehin entsprechen die gemäss Passepartout-Ideologie ständigen Vergleiche der unterschiedlichsten Sprachen schon gar nicht dem natürlichen Spracherwerb; sie sind höchst anspruchsvoll und überfordern die grosse Mehrheit der Lernenden, weswegen der Lernerfolg ausbleibt. Anschauliche Erklärungen und ein geführter Einstieg in die Strukturen der Zielsprache sind wesentlich effizienter.
  7. Baselland wird zur Bildungsinsel nach dem Passepartout Ausstieg.
    Passepartout endete offiziell im Sommer 2018 aufgrund auslaufender Verträge. Sollte in den anderen Kantonen über dieses Datum hinaus gemäss der Mehrsprachigkeitsdidaktik unterrichtet werden, wäre unser Kanton tatsächlich eine Bildungsinsel, allerdings im positiven Sinne: Bei uns wäre dann die Fremdsprachenvermittlung nämlich deutlich erfolgreicher als in den anderen Kantonen.
  8. Passepartout begünstigt die interkantonale Mobilität.
    Das wäre richtig, wenn die Mehrsprachigkeitsdidaktik funktionieren würde. Faktisch sind Schülerinnen und Schüler, die während der obligatorischen Schulzeit den Wohnkanton wechseln, aber ohnehin die Ausnahme. Das Prinzip der Personenfreizügigkeit orientiert sich am schrankenlosen Waren- und Kapitalstrom. Menschen aber verhalten sich anders als Geld und Güter. Es dürstet sie u.a. nach Heimat. Und für jene, die bisher zu uns gezogen sind, haben sich noch immer pragmatische Lösungen finden lassen.
  9. Lehrpersonen arbeiten gerne mit den Passepartout-Lehrmitteln.
    Die kantonalen Hearings, die Feedbacks zu den überdimensionierten «Weiterbildungskursen» und auch die Umfrage der AKK zu den Lehrmitteln belegen das Gegenteil. Grossmehrheitlich begrüsst es die Lehrerschaft, von einer Ideologie befreit zu werden, die sie in ihrer Methodenfreiheit massiv beschneidet. Der Landratsentscheid betreffend Passepartout-Ausstieg ist eine nachträgliche Autorisation dafür, was Lehrkräfte längst wieder bzw. nie aufgehört haben zu tun: mit seriösen, international anerkannten Materialien und Methoden effizient Fremdsprachen lehren.
  10. Kritik an «New World» kommt ausschliesslich aus Baselland.
    Die Berufsverbände aus Baselland, Bern, Graubünden und Solothurn wandten sich im Mai 2017 gemeinsam an den «Klett und Balmer»-Verlag mit der dringlichen Bitte um eine gründliche Überarbeitung des Lehrmittels. Allein die Zahl und Art der Forderungen stellt eine Disqualifikation des Lehrmittels dar. Aufschlussreich ist die Antwort des Verlags: «Die Autorin Gaynor Ramsey erarbeitet derzeit in unserem Auftrag für jeden Jahrgangsband von New World 3-5 (...) Broschüren mit Grammatik- und Wortschatzübungen.» Gaynor Ramsey war u.a. Autorin des bewährten Niveau-A-Lehrmittels «Non-Stop English», eines der vielen Lehrmittel also, die von den Passepartout-Ideologen als untauglich diskreditiert wurden.
  11. Was angefangen wurde, muss beendet werden.
    Bertolt Brecht schrieb: «Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.» Dennoch wird oft mit den Kosten argumentiert, die Passepartout bereits generiert hat, weswegen ein Abbruch nicht möglich sei. Doch ein 100-Meter-Turm wird auch nicht wegen bereits angefallener Kosten fertiggestellt, wenn man nach 10 Metern merkt, dass das Fundament fehlt. Ferner verringern sich die Kosten nach einem Ausstieg, denn die Passepartout-Lehrwerke sind die teuersten je eingesetzten Lehrmittel, und dies bereits ohne die zusätzlichen Auslagen für nachgereichte Begleitmaterialien.
  12. Die Evaluation von 2020 muss abgewartet werden.
    Aus Verantwortungsgefühl ihrer Schülerschaft gegenüber ergänzen respektive ersetzen zahlreiche Fremdsprachenlehrkräfte die Passepartout-Lehrwerke. Folglich können die Resultate jener Evaluation mit Blick auf die Wirksamkeit der Passepartout-Methodik und -Lehrmittel nicht aussagekräftig sein.
  13. Es braucht den Lehrmittelzwang zur Garantie verbindlicher Standards.
    Trotz Lehrmittelzwang bestehen in einer 20-köpfigen Klasse am Ende einer gegebenen Unterrichtsperiode 20 unterschiedliche Wissensstände aufgrund ungleicher Begabung bzw. elterlicher Unterstützung und individueller Motivation. Ungleichheiten bestehen auch zwischen Klassen infolge unterschiedlicher Gruppendynamiken und abweichender Prioritäten seitens der Lehrkräfte. Ausserdem orientiert sich der vom Lehrplan 21 abweichende Baselbieter Lehrplan u.a. an klar definierten Stoff- und Jahreszielen. Solche sind mit unterschiedlichen Lehrmitteln zu erreichen, wie die Sekundarstufe II mit ihrer Lehrmittelfreiheit längst aufgezeigt hat. Gerade die berechtigte Betonung von Standards muss zwangsläufig zur Ablehnung von Passepartout führen, denn bei der Mehrsprachigkeitsdidaktik besteht die Normierung der Fremdsprachenvermittlung in nicht erkennbaren Lernfortschritten.
Folgen und Erkenntnisse
Wegen der zahlreichen Irrtümer müssen die Verlage «Klett und Balmer» sowie «Schulverlag plus» sämtliche Lehrwerke mit Begleitbänden zur Förderung des Wortschatzaufbaus, der Grammatikvermittlung und der Sprechfähigkeit ergänzen. Doch diese Zusatzmaterialien dürfen nicht in die Schulbücher integriert werden, da dies die Ideologie der Mehrsprachigkeitsdidaktik verfälschen würde. Abgesehen von den Zusatzkosten, führt dies dazu, dass viele teure Kursbücher unbenutzt in den Schulschränken landen und lediglich mit den Begleitbänden gearbeitet wird.

Susanne Zbinden von der Universität Fribourg hat das Leseverständnis von «Bonne-Chance»-Schülerinnen und -Schülern mit jenem der Generation «Passepartout» verglichen. Letztere schnitten dabei markant schlechter ab.

An den Berner Gymnasien musste im Fach Französisch der Grammatikteil aus den Aufnahmeprüfungen gestrichen werden. Begründung: Inexistente Grammatikkenntnisse lassen sich nicht testen. Der Kanton Solothurn hob im März 2018 das geplante Obligatorium der Lehrmittel «Clin d’oeil» und «New World» für die Sek P auf aus Einsicht in deren Untauglichkeit.

Pädagogische Gründe sprechen gegen ein starres Lehrmittelobligatorium. So wird beispielsweise in Pratteln mit einem Ausländeranteil von 41% anders Französisch unterrichtet als etwa in Bennwil mit einer gänzlich anderen Schülerpopulation. Auch in den drei Niveaus A, E und P bestehen unterschiedliche Anforderungen. Je nach Klassenzusammensetzung bedarf es unterschiedlicher Methoden etc.

Forderungen
Das offensichtliche Versagen der Mehrsprachigkeitsdidaktik muss Anlass sein, dem Landratsentscheid vom 18. Februar 2018 zuzustimmen, um damit den «Ausstieg aus Passepartout» definitiv zu vollziehen. Alsdann wäre der Weg frei, um auch auf der Sekundarstufe I die Lehrmittelfreiheit einzuführen.
 

Warum das Passepartout-Projekt und die Theorie der Mehrsprachigkeitsdidaktik scheitern werden.

Authentische Texte als Dauerüberforderung
Ob Federer oder Djokovic: Die Karriere jedes Tenniscracks begann mit einer ersten einfachen Vorhand. In tausenden von Trainings lernten, übten und automatisierten sie weitere Grundschläge. Was im Sport oder beim Musizieren selbstverständlich ist, soll nach Auffassung der Passepartout-Promotoren beim hochkomplexen Erlernen einer Fremdsprache nicht nötig sein. Die neue Didaktik, welche sich zum Ziel gesetzt hat, den Fremdsprachenunterricht flächendeckend „von Grund auf zu erneuern“[1], konfrontiert bereits 9-jährige mit vielschichtigen authentischen Texten, deren Wortschatz und Satzstrukturen bewusst im Originalzustand belassen wurden.

Frust und Demotivation nehmen zu
Die Mehrsprachigkeitsdidaktik erwartet von Drittklässlern, die anspruchsvollen Texte mit Hilfe von Strategien zu entschlüsseln. Aufgrund des schwierigen, häufig nicht altersgerechten Wortschatzes, der komplizierten Satzstrukturen und weitgehend fehlender Kenntnisse über das System der Zeitformen sind die Texte für die Kinder selbst dann nicht zu verstehen, wenn sie jedes dritte Wort nachschlagen. Erfolgserlebnisse bleiben aus, Frust und Demotivation sind die Folge. Das ist mittlerweile auch aufmerksamen Passepartout-Kursleitern im Kanton Baselland aufgefallen: Sie raten den Lehrpersonen, die Texte zu vereinfachen oder gar neu zu schreiben, damit die Schüler/-innen eine Chance erhielten, die Inhalte zu verstehen. Folgende Beispiele aus dem ersten Band für 9-jährige Schüler/-innen veranschaulichen die Problematik eindrücklich:

  • „Nez a 3 lettres, prestidigitateur en a 16. Portemanteau est un grand mot. Electroménager aussi.“
  • „Car le monstre de l‘alphabet n‘a pas rendu les mots inventés. C‘est ceux qu‘il préfère.“
  • „J‘aime la caravane parce qu‘elle est différente de la maison et qu‘il n‘y a pas beaucoup de gens qui vivent en caravane.“
  • „Sibusiso a 11 ans. Il vit dans la fraiserie aux alentours de Richmond, en Afrique du Sud. Son école est à 8 km de là. Il va à l‘école à pied. Sibusiso et ses camarades marchent en file indienne sur la route. Le premier porte un drapeau.“
  • „Les autres enfants de sa classe vivent aussi très loin de l‘école. Alors ils restent chez eux et suivent les cours en direct par ordinateur, de 7 heures du matin à 13 heures. Ils posent des questions à leur maîtresse en parlant dans leur micro. Ils se retrouvent à l‘école 7 fois par an.“[2]

Erfolgreicher Fremdsprachenunterricht basiert seit jeher auf einer dem Lern- und Entwicklungsstand der Lernenden angepassten Sprache. Dieses Prinzip gilt auch für andere Fächer. Keine Deutschlehrperson erwartet von 12-jährigen Muttersprachlern, sich mit Goethes „Faust“ auseinanderzusetzen. Kein Mathematiklehrer beginnt seinen Unterricht mit Differentialrechnungen. Und weder Federer noch Djokovic haben mit dem backhand smash angefangen.

Missachtung elementarer Entwicklungspsychologie
Kinder im Primarschulalter verfügen über ein noch schwach ausgeprägtes Abstraktionsvermögen. Ihnen fehlen die kognitiven Voraussetzungen, die nötig wären, sprachliche Strukturen und Regeln ohne fremde Hilfe selbst zu erkennen und anzuwenden. Die Mehrsprachigkeitsdidaktik ignoriert diese grundlegenden Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie. Stattdessen setzt Passepartout auf konstruktivistische Methoden. So wird von den Schüler/-innen z.B. verlangt, dass sie Ausspracheregeln selber herausfinden, die Bildung des Passé composé [3] selbst erkennen und anschliessend in einem eigenen Text anwenden können und mit Hilfe von Methoden aus der vergleichenden Sprachwissenschaft verstehen lernen, wie die Sprache funktioniert. Eventuell vermögen die allerbesten Schüler/-innen derartige Transferleistungen (teilweise) zu erbringen, die überwiegende Mehrheit der Kinder aber bleibt vollkommen chancenlos. Das ist das Gegenteil von einer guten Pädagogik.

Passepartout-Promotoren fühlen sich nicht dem Lernerfolg der Schüler/-innen verpflichtet
Innerhalb eines Konzepts mit zwei oder drei Einzellektionen pro Woche ist der systematische Aufbau von Strukturen und Vokabular für einen erfolgreichen Spracherwerb unabdingbar. Dieser muss altersgerecht und schrittweise erfolgen: vom Einfachen hin zum Schwierigen. Erforderlich sind fundierte Kenntnisse und didaktisches Geschick. Dass die Passepartout-Promotoren diese komplexe Aufgabe der Lehrpersonen an die Lernenden delegieren, demonstriert eindrücklich, dass sich die Projektverantwortlichen nicht dem Lernerfolg der Schüler/-innen verpflichtet fühlen, sondern einer Theorie nachhängen, deren Wirkungsnachweise noch nie irgendwo unter Beweis gestellt wurde.

Oberflächlichkeit mit System
Sicheres Beherrschen von Einzelgriffen und Tonfolgen beim Instrumentalspiel, automatisierte Bewegungsabläufe im Sport und das freie Sprechen in einer Fremdsprache[4]  gelingen nur, wenn die Lernenden regelmässig und ausgiebig üben. Die neuen Fremdsprachenlehrmittel missachten die Bedeutsamkeit des Übens konsequent. Aufgrund der Stofffülle, insbesondere in den Lehrmitteln „Mille feuilles“ und „Clin d’oeil“, werden viele Themen bestenfalls gestreift. Erfahrene Primarlehrpersonen bezeichnen dieses spezifische Element der Mehrsprachendidaktik als „Sightseeing“: Die Schüler/-innen springen von einer „Sehenswürdigkeit“ zur nächsten, doch vertieft wird nichts. Sie gleichen asiatischen Touristen, die glauben, Europa in fünf Tagen kennenlernen zu können. Diese „Surfkultur“ führt dazu, dass nur wenig beherrscht wird und angewendet werden kann.

Auch nach 300 Lektionen können die Kinder nicht einmal die einfachsten Sätze
Spätestens seitdem in den Kantonen Bern und Solothurn die ersten „Frühfranzösischkinder“ in der Sekundarschule angelangt sind, wird deutlich, dass die neue Art des Sprachunterrichts scheitert. Sekundarlehrer berichten, dass selbst Schüler/-innen aus dem stärksten Leistungszug nach mehr als 300 Lektionen Frühfranzösisch einfachste Sätze nicht verstehen und sich kaum mündlich ausdrücken können.[5] Den frischgebackenen Sekundarschüler/-innen fehlen jegliche Voraussetzungen, welche nötig wären, damit sie den noch höheren Ansprüchen der Sekundarlehrmittel „Clin d’oeil“ und „New World 3“ genügen könnten. Und das ist nicht die Schuld der Primarlehrerschaft – das praxisferne System taugt nicht.

Jedes Kind hat nur eine Schulzeit
Die Passepartout-Promotoren haben bisher keinerlei Wirksamkeitsstudien durchgeführt. Auch den verantwortlichen politischen Entscheidungsträgern wäre es recht, nicht mehr im Amt zu sein, wenn sich das Scheitern nicht mehr verbergen lässt. Doch diesen Gefallen würden wir ihnen nicht machen – im Interesse der Schulkinder. Jedes von ihnen hat nur eine Schulzeit. Darum müssen wir jetzt handeln und diese gescheiterte Mehrsprachigkeitsdidaktik stoppen.

[1] www.passepartout-sprachen.ch
[2] Mille feuilles 3
[3] MF, 5.2, Mort de rire, S. 65 ff
[4] Jürg Schüpbach, Nachdenken über das Lehren, Kapitel 5
[5]
Heftige Kritik am neuen Französisch-Unterricht, Der Bund, 12.09.2015 von Adrian M. Moser

 

Unterschriftenbogen

Hier können Sie den Unterschriftenbogen für die Initiativen "Ausstieg aus dem gescheiterten Passepartout-Fremdsprachenprojekt" herunterladen. Die Sammelfrist ist seit dem 21.3.2016 abgelaufen.
 

Leserbrief von Jérôme Mollat (Einwohnerrat GLP), erschienen im Allschwiler Wochenblatt 4.12.15

Passepartout-Seifenblase

Prestidigitateur, voltige, racasse ... Verstehen Sie auch Bahnhof? Derart komplizierte Französischwörter und -texte sollen Primarschüler in Allschwil bereits verstehen. Das neue Lehrmittel "Millefeuille" - Teil des Passepartout-Fremdsprachenkonzeptes des Kantons - überfordert und demotiviert in der Praxis unsere Kinder. Die Schüler sollen dank "eigener Lernstrategien" und "konstruktivistischem Lernverständnis" neue Sprachen erlernen. Mit solchen Worthülsen versuchen Technokraten, die offensichtlichen Defizite des neuen Lehrmittels zu kaschieren. Ein aufbauender Worschatz ist passé, und in der neuen Sprachendidaktik sind Wörter- und Grammatiktests oder Dikate völlig verpönt.
Dabei sind nicht nur Eltern, sondern vor allem auch Oberstufenlehrer über die mangelnden Lernfortschritte der Primarschüler besorgt. Kommt hinzu, dass infolge Harmos auf der Oberstufe nur noch drei statt vier Jahre verbleiben, um Lerndefizite der Primarschule auszubügeln. Wir Eltern haben es in der Hand, die pseudoakademische Passepartout-Seifenblase noch rechtzeitig zum Platzen zu bringen, indem wir die Volksinitiative "Stopp dem Verheizen von Schüler/-innen" unterzeichnen (Unterschriftenbogen unter www.starke-schule-baselland.ch).
 

"Passepartout" - ein pseudoakademischer Luftballon

Ein Gastkommentar von Felix Schmutz. Erschienen in der bz vom 21.11.2015

Die Kritik am Französischlehrmittel Mille feuilles reisst nicht ab. Davon unbeeindruckt wird das Projekt Passepartout durchgedrückt. Die Verantwortlichen verweisen auf die angeblich „zeitgemässen“ Unterrichtskonzepte. Ein genauerer Blick darauf zeigt aber schnell, dass die Fachleute aus einseitigen Quellen schöpfen, unbewiesene Behauptungen aufstellen, Bewährtes grosszügig über Bord werfen und dem Projekt reformpädagogische Ideen unterjubeln. Verbesserung des Unterrichts oder ideologiegefärbtes Methodendiktat?

Beispiel Mehrsprachigkeitsdidaktik: Das Unwort verweist auf die Annahme, es sei leichter, mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen, als sich nur auf eine neue zu konzentrieren. Es gebe Synergie-Effekte, neue Kompetenzen. Angestrebt wird eine sogenannte „funktionale Mehrsprachigkeit“, alle sollen sich in mehreren Sprachen der Spur nach ein wenig ausdrücken können. Schüler(innen) sollen die Sprachen beim Lernen ständig vergleichen.

Tatsächlich helfen Wortverwandtschaften und ähnliche Strukturen, Fremdsprachliches leichter zu verstehen und sich einzuprägen. Ist das neu? Nein, solche Beobachtungen gehörten schon immer zum Unterricht. Ist damit viel gewonnen? Nein, denn die Ähnlichkeit sagt noch nichts aus über den Gebrauch der Wörter in den jeweiligen Sprachen. Dieser folgt wie die Strukturen spracheigenen Regeln, die unabhängig gewachsen sind. In unkundigen Händen führen Sprachvergleiche leicht zu Irrtümern und Verwechslungen. Im besten Fall entsteht theoretisches Wissen, das sich nachweislich nicht in die praktische Sprachanwendung übertragen lässt. Der Weg über die „Mehrsprachigkeit“ dürfte eher verwirren und überfordern, das Ganze ist ein pseudoakademischer Luftballon.

Ein anderes Konzept von Passepartout ist der Konstruktivismus, wonach nur gelernt werden kann, was jedes Gehirn sich selbst zusammenbaut, indem es das Neue mit Bekanntem verknüpft. Das Eintauchen in die Fremdsprache („Sprachbad“) soll diese Konstruktion anregen. Authentische Texte, offene Arbeitsaufträge für Gruppenaktivitäten und möglichst wenig direkte Intervention der Lehrperson genügten, um die Fremdsprache quasi automatisch zu lernen, wobei Fehler als natürliche Schritte auf dem Lernweg stehen bleiben dürfen.

Dies ist aus mehreren Gründen illusorisch: Erstens ist im Schulalter die Zeit des „natürlichen“ Lernens der Muttersprache längst vorbei, es muss jetzt bewusst gelernt werden. Zweitens besteht das Handicap, dass Kinder die Fremdsprache nicht im Sprachgebiet, sondern hier im Klassenzimmer unter ihresgleichen während nur zwei bis drei Lektionen pro Woche lernen müssen. Drittens besteht das Lernen nicht nur aus Konstruieren. Der Zusammenbau der neuen Kenntnisse ist zwar ein wichtiger Teil des Lernprozesses, aber nicht der ganze: Es müssen auch neue klangliche Wortformen und Satzmuster aufgenommen werden, die Lernende mit nichts Bekanntem verknüpfen können. Das Neue muss ferner memoriert und vielfältig geübt werden, damit sich im Gehirn Gedächtnisspuren bilden können, die erst flüssiges Reden ermöglichen. Viertens sollen die Lernenden die Sprache nicht neu konstruieren, sondern eine existierende Sprache übernehmen, sich in sie hineindenken, sich an sie anpassen. Das bedeutet Erweiterung der eigenen Identität. Fünftens können sich Fehler einbrennen und sind kaum mehr wegzukriegen, wenn sie nicht sofort verständnisvoll, aber konsequent korrigiert werden.

«Eine Sprache lässt sich am besten 
von kompetenten Vorbildern lernen.»

Die Didaktiker von Passepartout sind der Meinung, es brauche kein grammatikalisches Gerüst, da sich die Formen nach universal gültigen Prinzipien mit der Zeit von selbst einstellten. Tatsache ist jedoch, dass in der Forschung die Meinung vorherrscht, eine sorgfältig aufgebaute Instruktion vom Einfachen zum Schwierigen unterstütze und beschleunige diese mentale Eigentätigkeit. Instruktion heisst nicht stures Büffeln, sondern Erklären und inhaltlich sinnvolles Üben. Das alleine böte schon genügend Stoff für Unterrichtsverbesserung.

Schliesslich ergänzt Passepartout die genannten Konzepte durch modische Reformpädagogik: Individualisiertes Lernen, Vermeidung des gemeinschaftlichen Unterrichts (verteufelt als Frontalunterricht), Abgabe der Unterrichtsverantwortung an interaktive Lerngruppen, Propagierung des  Medieneinsatzes und der Selbstbeurteilung. All dem ist gemeinsam, dass Lehrpersonen nicht mehr in direkten Kontakt mit der ganzen Lerngruppe treten sollen, obwohl man weiss, dass Sprache sich am besten von kompetenten Vorbildern lernen lässt.
 

Initiativ- und Unterstützungskomitee (Stand 10.03.2018):

Samuel Bänziger, Rheinstrasse 9, 4127 Birsfelden (Student der Wirtschaftswissenschaften); Andreas Behnke, Holeerebenweg 8, 4123 Allschwil;
Stephane Dedrauzat
, Am Stausee 21, 4127 Birsfelden (Ing. ETH, EVP); Zsuzsanna Diederich, Brülweg 43, 4147 Aesch;
Mario Elser, Baslerstrasse 275, 4123 Allschwil (Einwohnerrat Grünliberale);
Martin Friedli, Baslerstrasse 341, 4123 Allschwil (Grüne-Unabhängige); André Fritz, Birseckstrasse 17, 4127 Birsfelden (Vizepräsident EVP Muttenz-Birsfelden);
Madeleine Göschke-Chiquet, Binzenweg 12, 4102 Binningen (e. Landrätin Grüne); Ruedi Graf, Felsenstrasse 4, 4450 Sissach (Mediatior); Hans-Jörg Gilomen, Reichensteinerstrasse 1, 4144 Arlesheim;
Matthias Häuptli, Merkurstrasse 27, 4123 Allschwil (Landrat Grünliberale); Paul R. Hofer, Buchenstrasse 12, 4104 Oberwil (Landrat FDP); Verena Hatz, Leimgrubenweg 11, 4102 Binningen;
Alina Isler, Baselmattweg 199, 4123 Allschwil (Vorstand Starke Schule Baselland, Studentin Pharmazeutische Wissenschaften);
Gian-Andrea Jäger, Breitenstrasse 2, 4462 Rickenbach (Lehrperson Sek. 1); Stephanie Jesse-Guerra, Reiterstrasse 5, 4054 Basel;
Hansjürg Kipfer, Weihermattweg 2a, 4460 Gelterkinden (Lehrer); Kurt Kym, Hardstrasse 27, 4142 Münchenstein; Peter Kuhn, Hinterkirchweg 24, 4106 Therwil;
Marianne Lander, Schanzengasse 10, 4107 Ettingen (Primarlehrerin MST);
Caroline Mall, Brunngasse 28, 4153 Reinach (Landrätin SVP); Vicente Marco, Poststrasse 2, 4124 Schönenbuch (Grüne-Unabhängige); Gregorio Mansella, Gilgenbergerstrasse 9, 4053 Basel; Walfried Mürner-Sedlaczek, Mattweg 31, 4144 Arlesheim;
Franz Näf, Maiengasse 16, 4123 Allschwil (Ausbildner FA); Karin Näf, Maiengasse 16, 4123 Allschwil (Grüne-Unabhängige, Grafikerin); Maro Nuber, Liestalerstrasse 44, 4411 Seltisberg (Gymnasiallehrer, GL CschweizH);
Saskia Olsson, Hegenheimerstrasse 21, 4123 Allschwil (Geschäftsleiterin Starke Schule Baselland);
Michael Pedrazzi, Pappelstrasse 24, 4123 Allschwil (Grüne-Unabhängige); Francois Petitpierre, Moosackerweg 10, 4105 Biel-Benken;
Marie-Louise Rentsch, Hauptstrasse 88, 4451 Wintersingen (Grüne-Unabhängige); Christoph Reichenstein, Schellenberg 1, 4437 Waldenburg;
Kathrin Schaltenbrand, Brennerstrasse 62, 4123 Allschwil (Lehrperson Sek. 1, FDP Allschwil); Daniela Schädler, Hasenrainstrasse 79, 4102 Binningen; Regula Steinemann, Mühlemattstrasse 55, 4414 Füllinsdorf (Landrätin Grünliberale); Michael Stolz, Hasenrainstrasse 79, 4102 Binningen; Beat Studer, Ischlagweg 22, 4460 Gelterkinden (Lehrperson Sek. 1);
Claudio Tambini-Wittstich, Zwiedenstrasse 5, 4435 Niederdorf (Gymnasiallehrer); Nathalie Twerenbold, Parkallee 4A, 4123 Allschwil; Karl Thommen, Stockacker 49, 4465 Hemmiken;
Pascale Uccella, Marsstrasse 19, 4123 Allschwil (Landrätin SVP);
Daniel Vuilliomenet, Schanzgase 10, 4107 Ettingen (Lehrperson Sek. 1);
Paul Wenger, Therwilerstrasse 55, 4153 Reinach (Landrat SVP); Jürg Wiedemann, Baslerstrasse 25, 4127 Birsfelden (Landrat Grüne-Unabhängige); Markus Wehrli, Schützenweg 9, 4104 Oberwil.