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Leserbrief

Lehrplan 21 - erste Kantone buchstabieren zurück

Mit der Einführung des Lehrplans 21 wurde eben erst begonnen und schon zeigt sich, dass gewisse Reformelemente wegen ihrer ideologischen Fundierung den Praxistest nicht bestehen werden. Die ersten Kantone haben bereits begonnen, Korrekturen vorzunehmen: Der Kanton Nidwalden verzichtet auf das „Schreiben nach Gehör“ und kehrt zur Rechtsschreibung zurück. Der Kanton Basel-Landschaft führt die Lehrmittelfreiheit wieder ein, nach dem die praxisuntauglichen LP21-kompatiblen Lehrmittel zu einem teuren Eklat geführt haben. Die „bestechende Idee“ mit den Schulinseln dürften die Rückkehr zur bewährten Kleinklasse einläuten, auch wenn das erst unter vorgehaltener Hand gesagt werden darf. Es kann ja nicht sein, dass kein Geld für Schulreisen mehr da ist, weil man überall Lernlandschaften errichten muss.

Peter Aebersold
 

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Ja zum Ausstieg aus Passepartout

Ein Gastbeitrag von Felix Hoffmann, Sekundarlehrer

Passepartout basiert auf der sogenannten Mehrsprachigkeitsdidaktik. Diese ist undurchdacht, ideologisch, im internationalen Vergleich absonderlich und folglich in der Praxis nicht umsetzbar.

13 Irrtümer

  1. Das Sprachbad ersetzt mühevolles Lernen.
    Ein Aufenthalt in einem fremdsprachigen Land entspricht einem Sprachbad. Mit wöchentlich zwei bis drei Lektionen pro Fremdsprache jedoch halten die Lernenden bestenfalls den grossen Zeh ins Wasser. Durch die neue Verteilung des Französisch-Unterrichts während der obligatorischen Schulzeit auf insgesamt 7 Schuljahre ohne Erhöhung der Gesamtstundenzahl ist man von einem Sprachbad weiter entfernt denn je.
  2. Fehlerkorrekturen sind unnötig und demotivieren die Lernenden.
    Werden Fehler über längere Zeit wiederholt, ohne korrigiert zu werden, prägen sie sich im Gedächtnis ein. Es bedarf sodann eines enormen Aufwands, sie wieder wegzubringen. Dieser geht zulasten der Weiterentwicklung der Sprachfertigkeiten. Überdies kommen zielgerichtete Korrekturen dem Wunsch der Lernenden entgegen, «es richtig machen zu wollen».
  3. Altersgerechte Themenwahl ist unwichtig.
    Beim Erlernen einer Fremdsprache brauchen Schülerinnen und Schüler altersgerechte Themen, um den Lernstoff und die eigene Erlebniswelt miteinander verknüpfen zu können. Fehlt diese Verknüpfung, bleibt der Stoff abstrakt und kann kaum verinnerlicht werden. Färbemethoden, Nahrungsmitteltechnologie, surreale Kunst usw. – Themen der Passepartout-Lehrwerke – sind definitiv nicht Teil der Erlebniswelt von Kindern.
  4. Systematischer Wortschatzaufbau ist unnötig.
    Der Wortschatz ist die Grundlage der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksfähigkeit. Nach etwa 350 Lektionen Französisch mit «Mille feuilles» beherrschen die Lernenden nicht einmal die wichtigsten 300 Wörter des Grundwortschatzes, wie selbst die Projektleitung eingestehen musste. Dies entspricht einem «Lernfortschritt» von weniger als einem Wort pro Lektion. Die vorhandenen Begriffe werden zudem meist falsch geschrieben, wobei die falsche Schreibweise aufgrund ausbleibender Korrekturen regelrecht eingeschliffen wurde.
  5. Altersgerechter Wortschatzaufbau entspricht nicht dem natürlichen Spracherwerb.
    Eltern betreiben mit ihren Sprösslingen permanent intensives Wortschatztraining. Sie gehen bei der Vermittlung der Muttersprache instinktiv richtig vor, indem sie ihren Kindern wiederholt altersgerechte Wörter vorsprechen, bis diese verinnerlicht sind. Anfangs sind dies z.B. Mami, Papi, Hunger usw., aber bestimmt nicht Teilchenbeschleuniger oder Durchlauferhitzer.
  6. Erklärungen zur Grammatik entsprechen nicht dem natürlichen Spracherwerb.
    Hier wird irrtümlicherweise der natürliche mit dem schulischen Spracherwerb gleichgesetzt. Ohnehin entsprechen die gemäss Passepartout-Ideologie ständigen Vergleiche der unterschiedlichsten Sprachen schon gar nicht dem natürlichen Spracherwerb; sie sind höchst anspruchsvoll und überfordern die grosse Mehrheit der Lernenden, weswegen der Lernerfolg ausbleibt. Anschauliche Erklärungen und ein geführter Einstieg in die Strukturen der Zielsprache sind wesentlich effizienter.
  7. Baselland wird zur Bildungsinsel nach dem Passepartout Ausstieg.
    Passepartout endete offiziell im Sommer 2018 aufgrund auslaufender Verträge. Sollte in den anderen Kantonen über dieses Datum hinaus gemäss der Mehrsprachigkeitsdidaktik unterrichtet werden, wäre unser Kanton tatsächlich eine Bildungsinsel, allerdings im positiven Sinne: Bei uns wäre dann die Fremdsprachenvermittlung nämlich deutlich erfolgreicher als in den anderen Kantonen.
  8. Passepartout begünstigt die interkantonale Mobilität.
    Das wäre richtig, wenn die Mehrsprachigkeitsdidaktik funktionieren würde. Faktisch sind Schülerinnen und Schüler, die während der obligatorischen Schulzeit den Wohnkanton wechseln, aber ohnehin die Ausnahme. Das Prinzip der Personenfreizügigkeit orientiert sich am schrankenlosen Waren- und Kapitalstrom. Menschen aber verhalten sich anders als Geld und Güter. Es dürstet sie u.a. nach Heimat. Und für jene, die bisher zu uns gezogen sind, haben sich noch immer pragmatische Lösungen finden lassen.
  9. Lehrpersonen arbeiten gerne mit den Passepartout-Lehrmitteln.
    Die kantonalen Hearings, die Feedbacks zu den überdimensionierten «Weiterbildungskursen» und auch die Umfrage der AKK zu den Lehrmitteln belegen das Gegenteil. Grossmehrheitlich begrüsst es die Lehrerschaft, von einer Ideologie befreit zu werden, die sie in ihrer Methodenfreiheit massiv beschneidet. Der Landratsentscheid betreffend Passepartout-Ausstieg ist eine nachträgliche Autorisation dafür, was Lehrkräfte längst wieder bzw. nie aufgehört haben zu tun: mit seriösen, international anerkannten Materialien und Methoden effizient Fremdsprachen lehren.
  10. Kritik an «New World» kommt ausschliesslich aus Baselland.
    Die Berufsverbände aus Baselland, Bern, Graubünden und Solothurn wandten sich im Mai 2017 gemeinsam an den «Klett und Balmer»-Verlag mit der dringlichen Bitte um eine gründliche Überarbeitung des Lehrmittels. Allein die Zahl und Art der Forderungen stellt eine Disqualifikation des Lehrmittels dar. Aufschlussreich ist die Antwort des Verlags: «Die Autorin Gaynor Ramsey erarbeitet derzeit in unserem Auftrag für jeden Jahrgangsband von New World 3-5 (...) Broschüren mit Grammatik- und Wortschatzübungen.» Gaynor Ramsey war u.a. Autorin des bewährten Niveau-A-Lehrmittels «Non-Stop English», eines der vielen Lehrmittel also, die von den Passepartout-Ideologen als untauglich diskreditiert wurden.
  11. Was angefangen wurde, muss beendet werden.
    Bertolt Brecht schrieb: «Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.» Dennoch wird oft mit den Kosten argumentiert, die Passepartout bereits generiert hat, weswegen ein Abbruch nicht möglich sei. Doch ein 100-Meter-Turm wird auch nicht wegen bereits angefallener Kosten fertiggestellt, wenn man nach 10 Metern merkt, dass das Fundament fehlt. Ferner verringern sich die Kosten nach einem Ausstieg, denn die Passepartout-Lehrwerke sind die teuersten je eingesetzten Lehrmittel, und dies bereits ohne die zusätzlichen Auslagen für nachgereichte Begleitmaterialien.
  12. Die Evaluation von 2020 muss abgewartet werden.
    Aus Verantwortungsgefühl ihrer Schülerschaft gegenüber ergänzen respektive ersetzen zahlreiche Fremdsprachenlehrkräfte die Passepartout-Lehrwerke. Folglich können die Resultate jener Evaluation mit Blick auf die Wirksamkeit der Passepartout-Methodik und -Lehrmittel nicht aussagekräftig sein.
  13. Es braucht den Lehrmittelzwang zur Garantie verbindlicher Standards.
    Trotz Lehrmittelzwang bestehen in einer 20-köpfigen Klasse am Ende einer gegebenen Unterrichtsperiode 20 unterschiedliche Wissensstände aufgrund ungleicher Begabung bzw. elterlicher Unterstützung und individueller Motivation. Ungleichheiten bestehen auch zwischen Klassen infolge unterschiedlicher Gruppendynamiken und abweichender Prioritäten seitens der Lehrkräfte. Ausserdem orientiert sich der vom Lehrplan 21 abweichende Baselbieter Lehrplan u.a. an klar definierten Stoff- und Jahreszielen. Solche sind mit unterschiedlichen Lehrmitteln zu erreichen, wie die Sekundarstufe II mit ihrer Lehrmittelfreiheit längst aufgezeigt hat. Gerade die berechtigte Betonung von Standards muss zwangsläufig zur Ablehnung von Passepartout führen, denn bei der Mehrsprachigkeitsdidaktik besteht die Normierung der Fremdsprachenvermittlung in nicht erkennbaren Lernfortschritten.
Folgen und Erkenntnisse
Wegen der zahlreichen Irrtümer müssen die Verlage «Klett und Balmer» sowie «Schulverlag plus» sämtliche Lehrwerke mit Begleitbänden zur Förderung des Wortschatzaufbaus, der Grammatikvermittlung und der Sprechfähigkeit ergänzen. Doch diese Zusatzmaterialien dürfen nicht in die Schulbücher integriert werden, da dies die Ideologie der Mehrsprachigkeitsdidaktik verfälschen würde. Abgesehen von den Zusatzkosten, führt dies dazu, dass viele teure Kursbücher unbenutzt in den Schulschränken landen und lediglich mit den Begleitbänden gearbeitet wird.

Susanne Zbinden von der Universität Fribourg hat das Leseverständnis von «Bonne-Chance»-Schülerinnen und -Schülern mit jenem der Generation «Passepartout» verglichen. Letztere schnitten dabei markant schlechter ab.

An den Berner Gymnasien musste im Fach Französisch der Grammatikteil aus den Aufnahmeprüfungen gestrichen werden. Begründung: Inexistente Grammatikkenntnisse lassen sich nicht testen. Der Kanton Solothurn hob im März 2018 das geplante Obligatorium der Lehrmittel «Clin d’oeil» und «New World» für die Sek P auf aus Einsicht in deren Untauglichkeit.

Pädagogische Gründe sprechen gegen ein starres Lehrmittelobligatorium. So wird beispielsweise in Pratteln mit einem Ausländeranteil von 41% anders Französisch unterrichtet als etwa in Bennwil mit einer gänzlich anderen Schülerpopulation. Auch in den drei Niveaus A, E und P bestehen unterschiedliche Anforderungen. Je nach Klassenzusammensetzung bedarf es unterschiedlicher Methoden etc.

Forderungen
Das offensichtliche Versagen der Mehrsprachigkeitsdidaktik muss Anlass sein, dem Landratsentscheid vom 18. Februar 2018 zuzustimmen, um damit den «Ausstieg aus Passepartout» definitiv zu vollziehen. Alsdann wäre der Weg frei, um auch auf der Sekundarstufe I die Lehrmittelfreiheit einzuführen.
 

Warum das Passepartout-Projekt und die Theorie der Mehrsprachigkeitsdidaktik scheitern werden.

Authentische Texte als Dauerüberforderung
Ob Federer oder Djokovic: Die Karriere jedes Tenniscracks begann mit einer ersten einfachen Vorhand. In tausenden von Trainings lernten, übten und automatisierten sie weitere Grundschläge. Was im Sport oder beim Musizieren selbstverständlich ist, soll nach Auffassung der Passepartout-Promotoren beim hochkomplexen Erlernen einer Fremdsprache nicht nötig sein. Die neue Didaktik, welche sich zum Ziel gesetzt hat, den Fremdsprachenunterricht flächendeckend „von Grund auf zu erneuern“[1], konfrontiert bereits 9-jährige mit vielschichtigen authentischen Texten, deren Wortschatz und Satzstrukturen bewusst im Originalzustand belassen wurden.

Frust und Demotivation nehmen zu
Die Mehrsprachigkeitsdidaktik erwartet von Drittklässlern, die anspruchsvollen Texte mit Hilfe von Strategien zu entschlüsseln. Aufgrund des schwierigen, häufig nicht altersgerechten Wortschatzes, der komplizierten Satzstrukturen und weitgehend fehlender Kenntnisse über das System der Zeitformen sind die Texte für die Kinder selbst dann nicht zu verstehen, wenn sie jedes dritte Wort nachschlagen. Erfolgserlebnisse bleiben aus, Frust und Demotivation sind die Folge. Das ist mittlerweile auch aufmerksamen Passepartout-Kursleitern im Kanton Baselland aufgefallen: Sie raten den Lehrpersonen, die Texte zu vereinfachen oder gar neu zu schreiben, damit die Schüler/-innen eine Chance erhielten, die Inhalte zu verstehen. Folgende Beispiele aus dem ersten Band für 9-jährige Schüler/-innen veranschaulichen die Problematik eindrücklich:

  • „Nez a 3 lettres, prestidigitateur en a 16. Portemanteau est un grand mot. Electroménager aussi.“
  • „Car le monstre de l‘alphabet n‘a pas rendu les mots inventés. C‘est ceux qu‘il préfère.“
  • „J‘aime la caravane parce qu‘elle est différente de la maison et qu‘il n‘y a pas beaucoup de gens qui vivent en caravane.“
  • „Sibusiso a 11 ans. Il vit dans la fraiserie aux alentours de Richmond, en Afrique du Sud. Son école est à 8 km de là. Il va à l‘école à pied. Sibusiso et ses camarades marchent en file indienne sur la route. Le premier porte un drapeau.“
  • „Les autres enfants de sa classe vivent aussi très loin de l‘école. Alors ils restent chez eux et suivent les cours en direct par ordinateur, de 7 heures du matin à 13 heures. Ils posent des questions à leur maîtresse en parlant dans leur micro. Ils se retrouvent à l‘école 7 fois par an.“[2]

Erfolgreicher Fremdsprachenunterricht basiert seit jeher auf einer dem Lern- und Entwicklungsstand der Lernenden angepassten Sprache. Dieses Prinzip gilt auch für andere Fächer. Keine Deutschlehrperson erwartet von 12-jährigen Muttersprachlern, sich mit Goethes „Faust“ auseinanderzusetzen. Kein Mathematiklehrer beginnt seinen Unterricht mit Differentialrechnungen. Und weder Federer noch Djokovic haben mit dem backhand smash angefangen.

Missachtung elementarer Entwicklungspsychologie
Kinder im Primarschulalter verfügen über ein noch schwach ausgeprägtes Abstraktionsvermögen. Ihnen fehlen die kognitiven Voraussetzungen, die nötig wären, sprachliche Strukturen und Regeln ohne fremde Hilfe selbst zu erkennen und anzuwenden. Die Mehrsprachigkeitsdidaktik ignoriert diese grundlegenden Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie. Stattdessen setzt Passepartout auf konstruktivistische Methoden. So wird von den Schüler/-innen z.B. verlangt, dass sie Ausspracheregeln selber herausfinden, die Bildung des Passé composé [3] selbst erkennen und anschliessend in einem eigenen Text anwenden können und mit Hilfe von Methoden aus der vergleichenden Sprachwissenschaft verstehen lernen, wie die Sprache funktioniert. Eventuell vermögen die allerbesten Schüler/-innen derartige Transferleistungen (teilweise) zu erbringen, die überwiegende Mehrheit der Kinder aber bleibt vollkommen chancenlos. Das ist das Gegenteil von einer guten Pädagogik.

Passepartout-Promotoren fühlen sich nicht dem Lernerfolg der Schüler/-innen verpflichtet
Innerhalb eines Konzepts mit zwei oder drei Einzellektionen pro Woche ist der systematische Aufbau von Strukturen und Vokabular für einen erfolgreichen Spracherwerb unabdingbar. Dieser muss altersgerecht und schrittweise erfolgen: vom Einfachen hin zum Schwierigen. Erforderlich sind fundierte Kenntnisse und didaktisches Geschick. Dass die Passepartout-Promotoren diese komplexe Aufgabe der Lehrpersonen an die Lernenden delegieren, demonstriert eindrücklich, dass sich die Projektverantwortlichen nicht dem Lernerfolg der Schüler/-innen verpflichtet fühlen, sondern einer Theorie nachhängen, deren Wirkungsnachweise noch nie irgendwo unter Beweis gestellt wurde.

Oberflächlichkeit mit System
Sicheres Beherrschen von Einzelgriffen und Tonfolgen beim Instrumentalspiel, automatisierte Bewegungsabläufe im Sport und das freie Sprechen in einer Fremdsprache[4]  gelingen nur, wenn die Lernenden regelmässig und ausgiebig üben. Die neuen Fremdsprachenlehrmittel missachten die Bedeutsamkeit des Übens konsequent. Aufgrund der Stofffülle, insbesondere in den Lehrmitteln „Mille feuilles“ und „Clin d’oeil“, werden viele Themen bestenfalls gestreift. Erfahrene Primarlehrpersonen bezeichnen dieses spezifische Element der Mehrsprachendidaktik als „Sightseeing“: Die Schüler/-innen springen von einer „Sehenswürdigkeit“ zur nächsten, doch vertieft wird nichts. Sie gleichen asiatischen Touristen, die glauben, Europa in fünf Tagen kennenlernen zu können. Diese „Surfkultur“ führt dazu, dass nur wenig beherrscht wird und angewendet werden kann.

Auch nach 300 Lektionen können die Kinder nicht einmal die einfachsten Sätze
Spätestens seitdem in den Kantonen Bern und Solothurn die ersten „Frühfranzösischkinder“ in der Sekundarschule angelangt sind, wird deutlich, dass die neue Art des Sprachunterrichts scheitert. Sekundarlehrer berichten, dass selbst Schüler/-innen aus dem stärksten Leistungszug nach mehr als 300 Lektionen Frühfranzösisch einfachste Sätze nicht verstehen und sich kaum mündlich ausdrücken können.[5] Den frischgebackenen Sekundarschüler/-innen fehlen jegliche Voraussetzungen, welche nötig wären, damit sie den noch höheren Ansprüchen der Sekundarlehrmittel „Clin d’oeil“ und „New World 3“ genügen könnten. Und das ist nicht die Schuld der Primarlehrerschaft – das praxisferne System taugt nicht.

Jedes Kind hat nur eine Schulzeit
Die Passepartout-Promotoren haben bisher keinerlei Wirksamkeitsstudien durchgeführt. Auch den verantwortlichen politischen Entscheidungsträgern wäre es recht, nicht mehr im Amt zu sein, wenn sich das Scheitern nicht mehr verbergen lässt. Doch diesen Gefallen würden wir ihnen nicht machen – im Interesse der Schulkinder. Jedes von ihnen hat nur eine Schulzeit. Darum müssen wir jetzt handeln und diese gescheiterte Mehrsprachigkeitsdidaktik stoppen.

[1] www.passepartout-sprachen.ch
[2] Mille feuilles 3
[3] MF, 5.2, Mort de rire, S. 65 ff
[4] Jürg Schüpbach, Nachdenken über das Lehren, Kapitel 5
[5]
Heftige Kritik am neuen Französisch-Unterricht, Der Bund, 12.09.2015 von Adrian M. Moser

 

Unterschriftenbogen

Hier können Sie den Unterschriftenbogen für die Initiativen "Ausstieg aus dem gescheiterten Passepartout-Fremdsprachenprojekt" herunterladen. Die Sammelfrist ist seit dem 21.3.2016 abgelaufen.
 

Leserbrief von Jérôme Mollat (Einwohnerrat GLP), erschienen im Allschwiler Wochenblatt 4.12.15

Passepartout-Seifenblase

Prestidigitateur, voltige, racasse ... Verstehen Sie auch Bahnhof? Derart komplizierte Französischwörter und -texte sollen Primarschüler in Allschwil bereits verstehen. Das neue Lehrmittel "Millefeuille" - Teil des Passepartout-Fremdsprachenkonzeptes des Kantons - überfordert und demotiviert in der Praxis unsere Kinder. Die Schüler sollen dank "eigener Lernstrategien" und "konstruktivistischem Lernverständnis" neue Sprachen erlernen. Mit solchen Worthülsen versuchen Technokraten, die offensichtlichen Defizite des neuen Lehrmittels zu kaschieren. Ein aufbauender Worschatz ist passé, und in der neuen Sprachendidaktik sind Wörter- und Grammatiktests oder Dikate völlig verpönt.
Dabei sind nicht nur Eltern, sondern vor allem auch Oberstufenlehrer über die mangelnden Lernfortschritte der Primarschüler besorgt. Kommt hinzu, dass infolge Harmos auf der Oberstufe nur noch drei statt vier Jahre verbleiben, um Lerndefizite der Primarschule auszubügeln. Wir Eltern haben es in der Hand, die pseudoakademische Passepartout-Seifenblase noch rechtzeitig zum Platzen zu bringen, indem wir die Volksinitiative "Stopp dem Verheizen von Schüler/-innen" unterzeichnen (Unterschriftenbogen unter www.starke-schule-baselland.ch).
 

"Passepartout" - ein pseudoakademischer Luftballon

Ein Gastkommentar von Felix Schmutz. Erschienen in der bz vom 21.11.2015

Die Kritik am Französischlehrmittel Mille feuilles reisst nicht ab. Davon unbeeindruckt wird das Projekt Passepartout durchgedrückt. Die Verantwortlichen verweisen auf die angeblich „zeitgemässen“ Unterrichtskonzepte. Ein genauerer Blick darauf zeigt aber schnell, dass die Fachleute aus einseitigen Quellen schöpfen, unbewiesene Behauptungen aufstellen, Bewährtes grosszügig über Bord werfen und dem Projekt reformpädagogische Ideen unterjubeln. Verbesserung des Unterrichts oder ideologiegefärbtes Methodendiktat?

Beispiel Mehrsprachigkeitsdidaktik: Das Unwort verweist auf die Annahme, es sei leichter, mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen, als sich nur auf eine neue zu konzentrieren. Es gebe Synergie-Effekte, neue Kompetenzen. Angestrebt wird eine sogenannte „funktionale Mehrsprachigkeit“, alle sollen sich in mehreren Sprachen der Spur nach ein wenig ausdrücken können. Schüler(innen) sollen die Sprachen beim Lernen ständig vergleichen.

Tatsächlich helfen Wortverwandtschaften und ähnliche Strukturen, Fremdsprachliches leichter zu verstehen und sich einzuprägen. Ist das neu? Nein, solche Beobachtungen gehörten schon immer zum Unterricht. Ist damit viel gewonnen? Nein, denn die Ähnlichkeit sagt noch nichts aus über den Gebrauch der Wörter in den jeweiligen Sprachen. Dieser folgt wie die Strukturen spracheigenen Regeln, die unabhängig gewachsen sind. In unkundigen Händen führen Sprachvergleiche leicht zu Irrtümern und Verwechslungen. Im besten Fall entsteht theoretisches Wissen, das sich nachweislich nicht in die praktische Sprachanwendung übertragen lässt. Der Weg über die „Mehrsprachigkeit“ dürfte eher verwirren und überfordern, das Ganze ist ein pseudoakademischer Luftballon.

Ein anderes Konzept von Passepartout ist der Konstruktivismus, wonach nur gelernt werden kann, was jedes Gehirn sich selbst zusammenbaut, indem es das Neue mit Bekanntem verknüpft. Das Eintauchen in die Fremdsprache („Sprachbad“) soll diese Konstruktion anregen. Authentische Texte, offene Arbeitsaufträge für Gruppenaktivitäten und möglichst wenig direkte Intervention der Lehrperson genügten, um die Fremdsprache quasi automatisch zu lernen, wobei Fehler als natürliche Schritte auf dem Lernweg stehen bleiben dürfen.

Dies ist aus mehreren Gründen illusorisch: Erstens ist im Schulalter die Zeit des „natürlichen“ Lernens der Muttersprache längst vorbei, es muss jetzt bewusst gelernt werden. Zweitens besteht das Handicap, dass Kinder die Fremdsprache nicht im Sprachgebiet, sondern hier im Klassenzimmer unter ihresgleichen während nur zwei bis drei Lektionen pro Woche lernen müssen. Drittens besteht das Lernen nicht nur aus Konstruieren. Der Zusammenbau der neuen Kenntnisse ist zwar ein wichtiger Teil des Lernprozesses, aber nicht der ganze: Es müssen auch neue klangliche Wortformen und Satzmuster aufgenommen werden, die Lernende mit nichts Bekanntem verknüpfen können. Das Neue muss ferner memoriert und vielfältig geübt werden, damit sich im Gehirn Gedächtnisspuren bilden können, die erst flüssiges Reden ermöglichen. Viertens sollen die Lernenden die Sprache nicht neu konstruieren, sondern eine existierende Sprache übernehmen, sich in sie hineindenken, sich an sie anpassen. Das bedeutet Erweiterung der eigenen Identität. Fünftens können sich Fehler einbrennen und sind kaum mehr wegzukriegen, wenn sie nicht sofort verständnisvoll, aber konsequent korrigiert werden.

«Eine Sprache lässt sich am besten 
von kompetenten Vorbildern lernen.»

Die Didaktiker von Passepartout sind der Meinung, es brauche kein grammatikalisches Gerüst, da sich die Formen nach universal gültigen Prinzipien mit der Zeit von selbst einstellten. Tatsache ist jedoch, dass in der Forschung die Meinung vorherrscht, eine sorgfältig aufgebaute Instruktion vom Einfachen zum Schwierigen unterstütze und beschleunige diese mentale Eigentätigkeit. Instruktion heisst nicht stures Büffeln, sondern Erklären und inhaltlich sinnvolles Üben. Das alleine böte schon genügend Stoff für Unterrichtsverbesserung.

Schliesslich ergänzt Passepartout die genannten Konzepte durch modische Reformpädagogik: Individualisiertes Lernen, Vermeidung des gemeinschaftlichen Unterrichts (verteufelt als Frontalunterricht), Abgabe der Unterrichtsverantwortung an interaktive Lerngruppen, Propagierung des  Medieneinsatzes und der Selbstbeurteilung. All dem ist gemeinsam, dass Lehrpersonen nicht mehr in direkten Kontakt mit der ganzen Lerngruppe treten sollen, obwohl man weiss, dass Sprache sich am besten von kompetenten Vorbildern lernen lässt.
 

Initiativ- und Unterstützungskomitee (Stand 10.03.2018):

Samuel Bänziger, Rheinstrasse 9, 4127 Birsfelden (Student der Wirtschaftswissenschaften); Andreas Behnke, Holeerebenweg 8, 4123 Allschwil;
Stephane Dedrauzat
, Am Stausee 21, 4127 Birsfelden (Ing. ETH, EVP); Zsuzsanna Diederich, Brülweg 43, 4147 Aesch;
Mario Elser, Baslerstrasse 275, 4123 Allschwil (Einwohnerrat Grünliberale);
Martin Friedli, Baslerstrasse 341, 4123 Allschwil (Grüne-Unabhängige); André Fritz, Birseckstrasse 17, 4127 Birsfelden (Vizepräsident EVP Muttenz-Birsfelden);
Madeleine Göschke-Chiquet, Binzenweg 12, 4102 Binningen (e. Landrätin Grüne); Ruedi Graf, Felsenstrasse 4, 4450 Sissach (Mediatior); Hans-Jörg Gilomen, Reichensteinerstrasse 1, 4144 Arlesheim;
Matthias Häuptli, Merkurstrasse 27, 4123 Allschwil (Landrat Grünliberale); Paul R. Hofer, Buchenstrasse 12, 4104 Oberwil (Landrat FDP); Verena Hatz, Leimgrubenweg 11, 4102 Binningen;
Alina Isler, Baselmattweg 199, 4123 Allschwil (Vorstand Starke Schule Baselland, Studentin Pharmazeutische Wissenschaften);
Gian-Andrea Jäger, Breitenstrasse 2, 4462 Rickenbach (Lehrperson Sek. 1); Stephanie Jesse-Guerra, Reiterstrasse 5, 4054 Basel;
Hansjürg Kipfer, Weihermattweg 2a, 4460 Gelterkinden (Lehrer); Kurt Kym, Hardstrasse 27, 4142 Münchenstein; Peter Kuhn, Hinterkirchweg 24, 4106 Therwil;
Marianne Lander, Schanzengasse 10, 4107 Ettingen (Primarlehrerin MST);
Caroline Mall, Brunngasse 28, 4153 Reinach (Landrätin SVP); Vicente Marco, Poststrasse 2, 4124 Schönenbuch (Grüne-Unabhängige); Gregorio Mansella, Gilgenbergerstrasse 9, 4053 Basel; Walfried Mürner-Sedlaczek, Mattweg 31, 4144 Arlesheim;
Franz Näf, Maiengasse 16, 4123 Allschwil (Ausbildner FA); Karin Näf, Maiengasse 16, 4123 Allschwil (Grüne-Unabhängige, Grafikerin); Maro Nuber, Liestalerstrasse 44, 4411 Seltisberg (Gymnasiallehrer, GL CschweizH);
Saskia Olsson, Hegenheimerstrasse 21, 4123 Allschwil (Geschäftsleiterin Starke Schule Baselland);
Michael Pedrazzi, Pappelstrasse 24, 4123 Allschwil (Grüne-Unabhängige); Francois Petitpierre, Moosackerweg 10, 4105 Biel-Benken;
Marie-Louise Rentsch, Hauptstrasse 88, 4451 Wintersingen (Grüne-Unabhängige); Christoph Reichenstein, Schellenberg 1, 4437 Waldenburg;
Kathrin Schaltenbrand, Brennerstrasse 62, 4123 Allschwil (Lehrperson Sek. 1, FDP Allschwil); Daniela Schädler, Hasenrainstrasse 79, 4102 Binningen; Regula Steinemann, Mühlemattstrasse 55, 4414 Füllinsdorf (Landrätin Grünliberale); Michael Stolz, Hasenrainstrasse 79, 4102 Binningen; Beat Studer, Ischlagweg 22, 4460 Gelterkinden (Lehrperson Sek. 1);
Claudio Tambini-Wittstich, Zwiedenstrasse 5, 4435 Niederdorf (Gymnasiallehrer); Nathalie Twerenbold, Parkallee 4A, 4123 Allschwil; Karl Thommen, Stockacker 49, 4465 Hemmiken;
Pascale Uccella, Marsstrasse 19, 4123 Allschwil (Landrätin SVP);
Daniel Vuilliomenet, Schanzgase 10, 4107 Ettingen (Lehrperson Sek. 1);
Paul Wenger, Therwilerstrasse 55, 4153 Reinach (Landrat SVP); Jürg Wiedemann, Baslerstrasse 25, 4127 Birsfelden (Landrat Grüne-Unabhängige); Markus Wehrli, Schützenweg 9, 4104 Oberwil.